Zahnarztpraxis
Im Wartezimmer am BER

Der Berliner Großflughafen hat noch nicht eröffnet, aber eine Zahnarztpraxis gibt es dort schon. 45.000 Beschäftigte sollten mögliche Kunden sein – doch bis dato arbeitet kaum jemand dort. Die Praxis hält sich trotzdem.
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Das Taxi hat die Autobahnausfahrt und die Schönefelder Allee ganz für sich, die Tachonadel dreht auf 120. „Hier ist doch eh keiner“, knurrt der Fahrer, als ob es eine Strafe wäre, den Wagen zum Gebäude des neuen Großflughafens BER zu lenken. Dort soll im Januar der Testbetrieb starten, ansonsten war die jüngste Nachricht, dass man noch ein paar Extra-Millionen für die Sanierung der nördlichen Startbahn braucht. Man will den Taxifahrer gerade fragen, welchen Eröffnungstermin er für realistisch hält, da löst ein Blitz neben der Fahrbahn eine Tirade aus – eine Radarfalle. „Nix los, aber abkassieren! Spinnt der denn, der Wowereit?“
„Ja, die stehen da ganz schön oft“, sagt Constanze Schönberg. Die 48-Jährige weiß um die Verführung, auf der leeren Flughafenzufahrt aus Gaspedal zu drücken. Mehrmals die Woche fährt sie raus zum Flughafen. Dort, wo ein Bauzaun den Abgang zur künftigen U-Bahn-Haltestelle versperrt und Neonleuchten die leeren Gerippe achtgeschossiger Parkhäuser beleuchten, hat sie mit ihrem Mann Hans-Joachim vor zwei Monaten eine Zahnarztpraxis eröffnet.

„Wir hatten vor Augen: Hier sollen mal 45.000 Menschen arbeiten“, erinnert sich die 48-Jährige, die jetzt in weißen Ballerinas und weißem Jackett auf dem ebenfalls weißen Ledersessel im Wartezimmer sitzt. Oder besser: in der „Lounge“, wie es große grüne Letter neben der Tür verheißen. Aus der Ecke dudelt Jazz-Musik, an der Wand bietet eine Bücherwand Material für ein halbes Literaturstudium, und auf dem Beistelltisch liegt eine Ausgabe von „BER aktuell“, die eine Lösung für die enervierenden Probleme mit der Entrauchungsanlage verkündet. Es ist offensichtlich, dass sich die Schönbergs das mit der Praxis am Flughafen anders vorgestellt haben.
Vor gut einem Jahr fiel ihre Entscheidung, in die Lücke im geplanten Ärztehaus zu ziehen. Als dann der mehrmals verschobene Eröffnungstermin nochmals verschoben wurde, auf unbestimmte Zeit, „war das erst mal ein Schock. Wir haben das aus der Zeitung erfahren.“ Andere Ärzte, auch der Gesundheitskonzern Vivantes, sagten wieder ab, nur die Schönbergs zogen, bei vergünstigter Miete, ein. Inklusive Apparaturen für dreidimensionale Röntgenaufnahmen und eines „kieferchirurgischen Eingriffsraums“, wie Hans-Joachim Schönberg beim Rundgang durch die Praxis erläutert. „Es ist natürlich klar: Wir können uns das Experiment hier nur leisten, weil wir anderswo unser Geld verdienen“, erklärt seine Frau. Beide sind jeweils an einer anderen etablierten Gemeinschaftspraxis in Berlin beteiligt.
Von 45.000 Beschäftigten am Flughafen kann derzeit allerdings keine Rede sein. Im Gebäude haben ein paar Fluggesellschaften Mitarbeiter einquartiert, aber das Gelände gleicht einer Geisterstadt. Im Terminal selbst – nur Kabelsalat, im Steigenberger Hotel sitzen im Foyer und bewachen die fertig eingerichteten Zimmer. Immerhin, neben Bauarbeitern und Zollbeamten sind diese Wachleute potentielle Patienten der Schönbergs, die seit Mitte Oktober schon 250 Namen in der Kartei gesammelt haben. „Für eine Neueröffnung ganz gut“, findet Constanze Schönberg. Unter den Patienten seien auch viele aus dem Umland, selbst Berliner, die die leeren Straßen in Richtung Flughafen schätzen. Nicht zuletzt bekommt man am BER ziemlich schnell einen Termin. Der auch eingehalten wird.

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