Zechen und Kokereien sollen aus- oder gar neugebaut werden
RAG-Chef fordert Geld für neue Zeche

Jahrzehntelang haben Stahlindustrie und Bergbau Kapazitäten abgebaut. Die Verteuerung von Koks auf dem Weltmarkt könnte die Kehrtwende einläuten. Kokereien und Zechen sollen aus- oder gar neugebaut werden.

HB BERLIN. Der Chef des Essener RAG-Konzerns, Werner Müller, hat sich angesichts der rasant gestiegenen Kohlepreise für neue Zechen und Kokereien in Deutschland ausgesprochen. „Die Preise für Koksimporte sind explodiert. Deutschland besitzt eine Milliarde Tonnen guter Kokskohle. Da stellt sich die Frage nach neuen Kokskohle-Zechen und Kokereien, um wieder unabhängig vom immer knapperen Weltmarkt zu werden“, sagte der ehemalige Bundeswirtschaftsminister dem Magazin „Stern“.

Kohle wird in Kokereien zu Koks veredelt, dem Brennstoff für die Stahlerzeugung. Ohne eine ausreichende Koksproduktion gehe es mit dem Standort Deutschland bergab, betonte Müller: „Wenn das so weitergeht, werden viele Stahlhersteller dahin abwandern, wo der Koks ist: nach Asien. Der Trend zur Deindustrialisierung Europas kann durch die Koksknappheit enorm beschleunigt werden.“

Die Preise für Koks waren wegen des enormen Bedarfs in China und der damit einhergehenden weltweiten Verknappung drastisch gestiegen. Die Preise waren im Frühjahr zeitweise auf bis zu 450 Dollar geklettert und liegen momentan zwischen 250 und 300 Dollar. Zu diesen Preisen könne deutsche Kohle ohne Subventionen gefördert werden, sagte Müller. Schon in diesem Jahr könnten die Kohlesubventionen um viele Millionen geringer ausfallen und den Haushalt von Finanzminister Hans Eichel (SPD) entlasten.

Eine mit der Stahlindustrie vereinbarte Erweiterung der Bottroper RAG-Kokerei Prosper soll bereits Ende 2006 oder Anfang 2007 in Betrieb gehen. Prosper kann pro Jahr zwei Millionen Tonnen Koks erzeugen, von denen jedoch zwei Drittel für den Branchenführer Thyssen-Krupp reserviert sind. Das Nachsehen haben andere Stahlproduzenten wie die österreichische Voest Alpine oder die luxemburgische Arcelor. Die beiden Unternehmen finanzieren deshalb den Ausbau auf 3,5 Millionen Tonnen Koks. Die Kosten liegen bei 300 Millionen Euro.

Die RAG ist laut Müller bereit, innerhalb der nächsten fünf Jahre bei Hamm im östlichen Ruhrgebiet eine neue Kokskohlenzeche zu bauen. Kostenpunkt 800 Millionen Euro. Die Jahresförderung soll 2,5 Millionen Tonnen betragen. Es entstünden gut 3 000 neue Arbeitsplätze. „Ob eine neue Zeche gebaut wird, muss die Politik entscheiden“, sagte Müller. Voraussetzung sei eine Finanzierung des Vorhabens durch die Politik. Mache das Unternehmen bei langfristig hohen Kohlepreisen Gewinn, fließe das Geld an den Staat zurück.

Die Grünen lehnten die Forderung nach Geld vom Staat ab. „Entweder es rechnet sich, in Deutschland Kokskohle zu fördern, weil der Weltmarktpreis auch dauerhaft ansteigt“, sagte die Grünen-Energiepolitikerin Michaele Hustedt. Oder man vermute, dass es sich doch nicht rechne und der Staat das unternehmerische Risko tragen solle. „Diese Zeiten sind aber vorbei. Das können wir uns bei knappen Haushaltskassen nicht leisten.“

Wolfgang Ritschel, Geschäftsführer des Verbandes der Kohlenimporteure, sieht die Pläne der RAG ebenfalls skeptisch: "Deutsche Kohle ist ohne Subventionen auch mittel- und langfristig auf dem Weltmarkt nicht wettbewerbsfähig.“ Die Idee, neue Kohlebergwerke zu bauen und die Förderung auszuweiten, sei „völliger Blödsinn“. Die Forderung nach einer Risikobeteiligung des Staates zeige bereits die Subventionsmentalität der Branche.

Die Weltmarkt-Preise für Koks, die in den vergangenen Monaten in die Höhe geschossen waren, geben nach Ritschels Worten einen falschen Eindruck. Tatsächlich werde gemessen am Verbrauch nur sehr wenig Koks gehandelt. Der Anteil belaufe sich auf sieben bis acht Prozent. Die meisten Hüttenwerke hätten eigene Kokereien und kauften Kokskohle zum Weltmarkt-Preis von rund 120 Euro je Tonne ein. Wenn RAG-Chef Werner Müller mit dem Kokspreis des freien Marktes argumentiere, so sei das nicht seriös.

Der Preis für Importkohle ist zwar ebenfalls angestiegen. Sie ist aber immer noch nur halb so teuer wie die deutsche Kohle. „Seit Juli bröckeln die Preise bereits wieder“, sagte Ritschel. Allerdings brauche der Weltmarkt mittelfristig höhere Preise, damit in die Kohleförderung investiert werde.

RAG-Chef Müller kündigte für den kommenden Sonntag den Start einer Werbekampagne für die Kohle an. „Unsere Ressourcen müssen wieder verstärkt in die Rohstoffversorgung miteinbezogen werden, damit die Sicherheit bei der Versorgung gewährleistet ist“, sagte er. Ziel müsse eine vollständige Selbstversorgung mit Koks sein. Die Stromversorgung solle zu 15 bis 20 Prozent auf deutscher Steinkohle basieren.

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