Zentralrat der Juden in Deutschland
Charlotte Knobloch zieht Bilanz

Mehr als vier Jahre lang setzte sich Charlotte Knobloch als Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland dafür ein, dass es Fortschritte beim Zusammenleben jüdischer und nicht-jüdischer Bürger gibt, dass Klischees abgebaut werden und dass sich der Kontakt zu jungen Menschen verbessert. Sie bedauert, ein Ziel nicht erreicht zu haben: ein Verbot der NPD. Nun scheidet Charlotte Knobloch aus dem Amt, und ein Nachfolger ist bereits in Sicht.
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HB MÜNCHEN/BERLIN. Die scheidende Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, sieht eine sehr positive Entwicklung beim Zusammenleben von jüdischen und nicht-jüdischen Bürgern. Hier gebe es "enorme Fortschritte", sagte Knobloch der Nachrichtenagentur dapd. Sie habe viel Zeit aufgewandt, um Kontakt gerade zu jungen Leuten zu suchen und Klischees auszuräumen.

Allerdings habe sie in ihrer Amtszeit ein wichtiges Ziel nicht erreicht, fügte Knobloch hinzu. Noch immer sei die NPD nicht verboten. Knobloch regte an, den Posten eines Bundesbeauftragten gegen den Rechtsextremismus zu schaffen.

Die 78-Jährige ist seit Juni 2006 Präsidentin des Zentralrats der Juden. Die gebürtige Münchnerin hatte den Holocaust überlebt, weil sie von 1942 bis zum Kriegsende von einer katholischen Bauernfamilie in Mittelfranken versteckt wurde.

Als Nachfolger von Knobloch wird am Sonntag nächster Woche (28. November) in Frankfurt am Main voraussichtlich Dieter Graumann gewählt. Der bisherige Vizepräsident des Zentralrats kam am 20. August 1950 in Israel zur Welt und anderthalb Jahre später nach Deutschland. Er wäre der erste Zentralratschef, der die NS-Zeit nicht miterlebt hat.

Knobloch sieht darin aber kein Problem. Sie betonte: "Die Grundlagen der Arbeit bleiben die gleichen: Wir müssen gegen den Rechtsextremismus auftreten, wir müssen unsere Neuzuwanderer in die Gemeinden und die Gesellschaft einbinden, und wir dürfen nicht vergessen, dass wir in erster Linie eine Religionsgemeinschaft sind." Der Zentralrat müsse deshalb "sehr darauf achten, dass die Religion im Vordergrund steht - und nicht die Politik".

Knobloch fügte hinzu: "Im Übrigen habe ich immer gesagt: Das Judentum darf sich nie über den Holocaust definieren. Für uns ist die Gegenwart und die Zukunft das Wichtigste."

Die Zentralratspräsidentin forderte zugleich ein verstärktes Vorgehen gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. So müsse es einen neuen Anlauf für ein NPD-Verbot geben. Knobloch mahnte: "Die Neonazis dürfen nicht ungestört ihre menschenverachtenden Ideen unter die Leute bringen." Deshalb müsse jetzt gehandelt werden. Von selbst löse sich das Problem nicht.

Wichtig sei auch der Bildungsbereich, sagte Knobloch. Schon Kinder müssten lernen, "Respekt auch vor Menschen zu haben, die man als fremd ansieht". Außerdem sollte bereits im Kindergarten über die Geschichte des Judentums und des Staates Israel gesprochen werden.

Auf die Frage, ob sie in Deutschland Wahlerfolge von Rechtspopulisten wie in den Niederlanden für möglich halte, antwortete Knobloch: "Ich sehe derzeit nicht jemanden wie Geert Wilders in Deutschland. Aber wenn die Rechtsextremen eine Spitzenfigur bekämen, die ihr Vorgehen geschickt arrangiert, dann wäre das eine große Gefahr." Deshalb dürfe man "es nicht so weit kommen lassen".

Die Linke unterstützte am Samstag Knoblochs Forderung nach einem Bundesbeauftragten gegen Rechtsextremismus. Die Innenexpertin Petra Pau räumte allerdings einem neuen NPD-Verbotsverfahren wenig Chancen ein: "Das würde ohnehin an der CDU/CSU scheitern." Pau fügte hinzu: "Denn solange die Unions-Parteien an ihrer V-Leute-Praxis kleben, hat die NPD zwei Schutzengel."

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  • Sehr geehrte Frau Knobloch ,ihr Wunsch nach einem verbot der NPD sollte daher gehen mit einem Absagen an Linksextremismus. Das die Linke ihr ansinnen unterstützt sollte sie daran erinnern, dass im Kommunistischen Russland ebenfalls Juden verfolgt wurden.Die Russen zu Verantwortung zu ziehen ist aussichtslos.Deutschland hat und nimmt mehr Asylanten auf, als alle Europäischen Staaten zusammen. Darunter auch Palis die hier in Sicherheit leben möchten. Wenn sie also Respekt gegenüber Fremden fordern, dann sollten Sie israel ermuntern, damit zu beginnen. Die Juden selber haben sich wie die Muslime ihre eigene Welt geschaffen,um die eine unsichtbare Mauer steht. in Wirklichkeit wird von beiden nicht gewollt, dass sich Andersgläubige für ihre Religionen interessieren. beide Religionen sind
    politisch aktiv und glauben darin ihren Gott zu dienen und das Recht auf ihrer Seite zu haben. Das ist falsch und stößt auf befremden. Trennen sie endlich die Religion vom zivilen Leben, denn alle Religionen sind nicht bewiesen und leben vom Glauben. Warum Herrscher sich Götter gesucht haben, liegt auf der Hand. Wenn also noch jemand über einen steht, den man zwar nicht sieht und hört, so ist das Volk trptzden beruhig, dass noch jemand aufpasst.

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