Zetsche beim Grünen-Parteitag
„Hier ist Energie im Raum“

Es ist das heißeste Thema auf dem Grünen-Parteitag: Daimler-Chef Zetsche darf vor den Delegierten der Ökopartei reden. Er betont die Gemeinsamkeiten – und bekommt erstaunlich wenig Buhrufe.

Ein Autoboss auf dem Parteitag der Grünen – es war schon eine Seltenheit, was sich am Sonntag in Münster abspielte. Daimler-Chef Dieter Zetsche durfte auf Einladung des Parteivorsitzenden Cem Özdemir vor den Delegierten sprechen, trotz aller Vorbehalte und Proteste. Und der Industriemanager traf bei der Ökopartei durchaus den Nerv: Für seine Rede bekam er viel freundlichen Applaus.

Der Empfang war weitaus weniger freundlich. Die Grüne Jugend hatte Zetsche zum Start seiner Rede im Saal mit einem Aufmarsch und Buhrufen empfangen. Der Parteinachwuchs hielt Protestplakate mit Losungen wie „Rüstungsexporte für Diktatoren“ in die Höhe. Auf anderen Transparenten wurde ein Umsteuern vom Auto auf Fahrräder und die Schiene verlangt. Doch lammfromme Grüne hatte Zetsche nicht erwartet. „Vielen Dank für den engagierten Einstieg“, begrüßte er die Delegierten. „Hier ist Energie im Raum, das macht mir Spaß.“ Dass etliche junge Grüne sich den berühmten Zetsche-Schnäuzer unter die Nase geklebt hatten, kommentierte er mit einem Scherz: „Einigen von Ihnen steht das richtig gut.“

Und doch waren die Grünen während seiner 15-Minuten-Rede zahmer und ruhiger als erwartet. Geradezu aufmerksam lauschten sie dem, was er zu sagen hatte. Der Daimler-Chef wiederum versprach, die Bühne bestimmt nicht für eine Werbeshow zu missbrauchen. Parteichef Cem Özdemir hatte vorgearbeitet: Sei es nicht auch ein Riesen-Kompliment, dass der Daimler-Chef auftrete?, fragte er mit hochrotem Kopf. „Hier wird die Zukunft der Republik entschieden.“

Zetsche allerdings sendete einige Botschaften, die auch in Reihen der Grünen auf Wohlwollen stießen. So wies er den Vorwurf zurück, sein Unternehmen habe den Trend zur Elektromobilität verschlafen. Daimler habe schon seit zehn Jahren Elektroautos im Programm und investiere sehr viel Geld in diesem Bereich.

Jedes zweite Elektroauto in Europa komme aus Deutschland. Die Abkehr von Kohlenwasserstoffen als Antrieb sei auch notwendig, sagte Zetsche mit Blick auf Verbrennungsmotoren und ergänzte: „Wir stellen uns unserer klimapolitischen Verantwortung.“

Der Manager stellte Übereinstimmungen mit den Forderungen des Grünen-Vorstands heraus. „Die Grünen sagen, dass die Automobilindustrie nur überleben wird, wenn sie ein emissionsfreies Fahrzeug entwickelt. Das sehe ich genauso“, sagte Zetsche zu den Delegierten, die ihm dafür applaudierten. Aber sollten die Grünen ihn für Sätze kritisieren, von denen sie manche doch so ähnlich formulieren würden?

Ein verbindliches Datum für das Aus des Verbrennungsmotors lehnte er jedoch ab. Wer glaube, eine bestimmte Antriebsart solle ab einem „Tag X“ verboten werden, „springt zu kurz“. Statt darüber zu diskutieren, wann dieses Ziel erreicht werde, gehe es darum, „das Tempo zu beschleunigen“. Die vielfach kritisierten Verbrennungsmotoren könnten „Teil der Lösung sein“. Die Grünen treten in einem Antrag dafür ein, ab 2030 keine Autos mit Verbrennungsmotoren mehr zuzulassen – er stand am Sonntag zur Debatte. Es wäre gut, wenn sich Politik auf die Vorgabe realistischer Ziele beschränken würde, sagte Zetsche – selbst an dieser Stelle erntete der Daimler-Chef keinen lauten Widerspruch.

Zetsche ging zudem auf Kritiker ein, die Daimler für den Verkauf von Militärprodukten in Krisengebiete angehen. Der Unternehmenschef konterte dies mit dem Hinweis, im Wesentlichen gehe es dabei um geschützte Fahrzeuge, in denen Menschen transportiert würden.

Der Auftritt des Daimler-Chefs war das wohl emotionalste Thema auf dem Grünen-Parteitag. Einigen Mitgliedern der Umweltpartei war die Einladung von Parteichef Cem Özdemir bitter aufgestoßen. „Wovor haben wir Angst?“, antwortete Özdemir seinen Kritikern in einer Rede, „wir haben doch die Argumente.“ Es sei ein Kompliment für die Grünen, wenn einer der wichtigsten Konzernlenker zu ihnen komme, um über die Zukunft zu reden, sagte er vor dessen Auftritt. Klimaschutz sei nicht verhandelbar. Die leidenschaftliche Rede erntete begeisterten Applaus, viele Grüne klatschten im Stehen.

Tatsächlich hat eine Einladung wie diese Seltenheitswert – nicht nur bei den Grünen. Weder Zetsche noch andere Wirtschaftsbosse sind bei vergleichbaren Gelegenheiten die Regel. Wer ein Gesprächsangebot bekommt, sollte den Dialog auch annehmen, sagte der Daimler-Chef.

Silke Kersting
Silke Kersting
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