Zu Besuch in der 8. Klasse einer Hauptschule
Die mit den „Antributen“ kämpfen

Deutschunterricht in der Klasse 8a der Hauptschule Süd, Viersen. Kürzlich waren die Attribute dran, nun soll ein Lückentext mit ihnen gefüllt werden. „Was fehlt?“ Schweigen.

VIERSEN. Nach langem Zögern: „Die Antributen?“ Nasrin und Münüre schreiben fleißig. Aber keine Attribute: „Kannst Du Foto von Handy schicken?“ Ein Din-A4-Zettel wandert zwischen den beiden hin und her. „Nee, voll ätzend!! Gehst Du Kirmes?“

„Das ist normal, dass die nichts behalten“, sagt Lehrer Willi Wachten, „die haben keinen Bezug dazu“. Am Ende der Stunde fragt er, ob die Schüler schon einen Betrieb für das dreiwöchige Berufspraktikum gefunden haben – zur Vorbereitung auf die spätere Lehre. Das ist nur bei wenigen der Fall: Ein Junge geht in einen KFZ-Betrieb, ein Mädchen zu „Fressnapf“, einem Fachmarkt für Heimtierbedarf.

Gibt es Schwierigkeiten, weil die Betriebe keine Hauptschüler nehmen wollen? „Nein, wir nehmen Hauptschüler“, sagt Anja Mutzenbach, Geschäftsstellenleiterin von Fressnapf. „Wenn mir jemand sympathisch ist und drei deutsche Sätze reden kann, nehme ich ihn als Praktikanten.“ Doch schon das ist für viele eine Hürde. André, der Kosovo-Albaner, ist seit fünf Jahren mit seinen vier Geschwistern in Deutschland. Er ist knapp 17, besucht aber die 8. Klasse. Sein Deutsch, das er mit seinen Kumpeln auf dem Schulhof redet, ist ein gewolltes Gemisch aus Deutsch, Türkisch und Albanisch. Ob er denn auch korrektes Deutsch sprechen könne. „Ja, schon“, behauptet der gepflegt gekleidete Junge. Aber viele Wörter, die die Lehrer benutzten, verstehe er nicht – das zumindest gibt er zu.

Gibt es ergänzenden Deutschunterricht am Nachmittag oder andere Angebote, mit denen gezielt Bildungsdefizite der Schüler ausgeglichen werden? Könnte das Schulcafé „Insel“ das nicht anbieten? Für den neuen hellen Raum auf dem Schulgelände leistet sich die Stadt mit Olaf Krüger einen Sozialarbeiter in Vollzeit. Er hält das Café für die Schüler von 13 bis 19 Uhr offen. Doch die Schüler zum Lesen zu animieren oder ihnen Wissen zu vermitteln, ist nicht Krügers Aufgabe: „Für den Unterricht sind die Lehrer da, ich bin dafür nicht ausgebildet.“ Außerdem – „wenn das hier wie Schule wäre, würden die Schüler ja nicht mehr kommen“, sagt Krüger. So bleibt es für Schüler wie André und Nasrin beim Billard- und Kickerspielen. Wenn überhaupt Lektüre, dann Bravo und Bravo-Sport.

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