Zu Helmut Kohls 75. Geburtstag
Die zwei Naturen des Helmut Kohl

Nach dem Patriarchen Konrad Adenauer, dem Wirtschaftsfachmann Ludwig Erhard und dem Schöngeist Kurt Georg Kiesinger war Helmut Kohl der vierte Christdemokrat, der Bundeskanzler wurde – und mit der Amtszeit von 16 Jahren der am längsten amtierende.

Dem am 3. April 1930 in Ludwigshafen in kleinbürgerlichen Verhältnissen geborenen Kohl war nicht in die Wiege gelegt, „Kanzler der deutschen Einheit“ und „Ehrenbürger Europas“ zu werden. 25 Jahre lang war er Vorsitzender der CDU Deutschlands. Damit hält er einen Doppelrekord: Keiner herrschte so lange über eine Partei wie er. Bei keinem traten die zwei Naturen eines Politikers so ungeniert auf wie bei Kohl. Er ist erfolgreicher Staatsmann und zugleich kalter Machtmensch.

Zu seinem 75. Geburtstag werden seine vielfältigen Verdienste um Deutschland und die Welt gewürdigt. Zu Recht. So sehr das milde Licht des Vergessens über alle Laudationes für Kohl scheinen wird – ob bei der Entgegennahme seiner Ehrenbürgerwürde in seiner Vaterstadt Ludwigshafen oder den Feierlichkeiten mit Hilfe der Konrad-Adenauer-Stiftung –, gibt es doch eine Doppelgesichtigkeit dieses Mannes. Kein Zweifel: Kohl hat die Chancen, die der sich abzeichnende Zusammenbruch des Sowjetreichs bot, ergriffen und nach manchen irritierenden Wochen der Unsicherheit mutig einen „Zehn-Punkte-Plan“ verkündet und – wenn auch auf anderem Wege – die deutsche Einheit herbeigeführt. In dieser kritischen Zeit hat er manche Konzeption, Deutschland solle um den Preis der Einheit neutralisiert werden, im Keim erstickt. Von unschätzbarem Wert waren seine guten menschlichen Bindungen, die er zum französischen Staatspräsidenten Mitterrand und zum amerikanischen Präsidenten Bush pflegte. Auf diese Weise konnte eine widerstrebende Maggie Thatcher zur Deutschen Einheit bewegt werden.

Kohl lehnte strikt den im Auswärtigen Amt unter Genscher entwickelten Gedanken ab, der östliche Teil Deutschlands brauche nicht zum Schutzbereich der NATO zu gehören. Als in historischen Kategorien Denkender hatte Kohl an dem Gedanken einer Wiedervereinigung festgehalten. Eine weitaus stärkere Prägekraft hatte er aber in der Europapolitik. So ist die Tatsache, dass den Deutschen die von ihnen so geliebte „Deutsche Mark“ entwunden wurde, ausschließlich seiner Beharrlichkeit zuzuschreiben.

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