Zukunftsatlas 2010
Die Eifel – das Land ohne Leute

Der Eifel laufen die Einwohner davon. Jetzt kämpft die Region um den Anschluss - und kann dabei doch nur kleine Schritte gehen.
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BITBURG/DAUN. Wenn alle so wären wie er, hätte Heinz Onnertz ein Problem weniger. Vor drei Jahrzehnten hat er seine Heimat im rheinischen Neuss verlassen und sich im rheinland-pfälzischen Vulkaneifelkreis niedergelassen. Jetzt schält er sich aus seinem Landrats-Sessel, geht zum Fenster und schaut auf die nebelüberzogenen Eifel-Hügel. "Wenn Sie hier einmal sind", sagt er zu seinem Wirtschaftsförderer Alfred Bauer, als ob er dem die Vorzüge der Region erklären müsste, "dann wollen Sie nie wieder weg." Dennoch ist der Vulkaneifelaner eine bedrohte Spezies.

Da geht es Onnertz und Bauer genauso wie ihren Kollegen in der Region: Ob in Cochem-Zell, Bitburg-Prüm oder Ahrweiler - überall kämpfen Verwaltung, Politik und Wirtschaft in der Eifel im Norden von Rheinland-Pfalz darum, Anschluss zu halten. Zwar geht es der Region gegenwärtig wirtschaftlich gut. Aber die handwerklich, landwirtschaftlich und klein-industriell geprägte Wirtschaft ist alles andere als für die Zukunft gerüstet.

Es gibt Menschen in der Eifel wie Onnertz und Bauer, die das erkannt haben. Mit vielen kleinen Projekten und Ideen basteln sie an einer Zukunft für die Region. Die große Frage, die sie sich stellen: Kommen wir zu spät?

Milch, Bier und Sprudel - das Ernährungsgewerbe dominiert

"Die gesamte Region hat ein Image als Landwirtschaftsgebiet", sagt Arne Rössel, Hauptgeschäftsführer der Industrie und Handelskammer Trier. - Am sichtbarsten wird das im Kreis Bitburg-Prüm, wo etwa 90 000 Menschen leben - verteilt auf 235 Gemeinden. Kleinteiliger ist Deutschland nirgends. Kleine Handwerke, einfache Dienstleister und mittelständische Produktionsbetriebe prägen die Wirtschaft. Unternehmerische Leuchttürme? Die Gerolsteiner-Brunnen, die Molkereigenossenschaft MUH und die Bitburger Brauerei, allesamt lebensmittelverarbeitende Betriebe, wenig Industrie von morgen.

Sie wollen das ändern in der Eifel - mit ersten Erfolgen. Der Rhein-Lahn-Kreis etwa hat es in Sachen Unternehmensgründungen unter die Top 100 in Deutschland gebracht. Andere Kreise eifern dem nach. Sie richten Gründungszentren ein, schaffen Infrastruktur für Selbstständige und bieten Unternehmensgründern Rundum-Sorglos-Pakete, wie sie in Großstädten undenkbar wären. "Wenn Sie sich als Selbstständiger bei uns im Kreis niederlassen", sagt Landrat Onnertz aus der Vulkaneifel, "dann besorgt unsere Verwaltung ihrem Partner auch einen Job. Behördengänge, Immobiliensuche und alles, was dazu gehört, nehmen wir Ihnen auch ab." Trotz klammer Kämmerer sind Ganztagsbetreuung in den Kindergärten und Schulen besser ausgebaut als in vielen Großstädten und obendrein kostet die Nutzung kaum etwas.

"Wir müssen uns aus uns selbst entwickeln", sagt IHK-Mann Rössel. "Die Erfahrung lehrt doch, dass wir oft den Kürzeren ziehen, wenn wir uns auf Unterstützung von außen verlassen." Viele in der Eifel haben da das Beispiel aus dem Kreis Ahrweiler vor Augen: Mit Millionen wollte die Mainzer Landesregierung dort den Nürburgring ausbauen. Statt eines Leuchtturms haben die Menschen nun eine skandalverseuchte Invesititionsruine - es gab Korruptionsvorwürfe, aber keinen Fortschritt. "Das war Geld, mit dem wir in vielen kleinen Projekten sehr viel mehr hätten anfangen können", sagt ein Kommunaler vor Ort.

Deswegen macht der Eifelaner jetzt, was er am besten kann: er konzentriert sich auf sich. Der Landrat des Kreises Bitburg-Prüm, Ulrich Streit, sagt: "Sie werden keine Großinvestoren von außen mehr finden. Die suchen 4 000 andere Kommunen auch." Deswegen geht auch er den Weg der kleinen Schritte. "Wirtschaftsförderung ist wie puzzeln."

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