Interview
„Verstehe die Klagen im Westen nicht“

Erfurt gehört zu Deutschlands Aufsteigern. Das zeigt der aktuelle Prognos-Zukunftsatlas. Als Ministerpräsident hat Bernhard Vogel hat das Bahn-Drehkreuz in die Stadt geholt, von dem Erfurt künftig so profitieren könnte.
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Herr Vogel, Sie sind der einzige Deutsche, der in West- und Ostdeutschland Ministerpräsident war. Von 1976 bis 1988 in Rheinland-Pfalz und von 1992 bis 2003 in Thüringen. Hat der Osten den Westen inzwischen überholt?
Der Osten hat den Westen nicht überholt. Aber der wesentliche Nachholbedarf der ostdeutschen Kommunen ist nun ausgeglichen. Nach Ende des Solidarpakts II im Jahre 2019 sollte sich die Mittelverteilung aber nach dem tatsächlichen Bedarf richten.

Viele westdeutsche Kommunen klagen über finanzielle Probleme, über rigide Sparzwänge, während ostdeutsche Städte angeblich in Saus und Braus leben.

Ich kann die Klagen der Kommunen im Westen nicht verstehen. Sie lassen außer Acht, wie groß die Probleme der Überwindung der deutschen Teilung tatsächlich gewesen sind.

Hat Deutschland denn die Teilung tatsächlich schon überwunden?

Es gibt heute keinen Unterschied mehr zwischen West und Ost. Aber auch nach Auslaufen des Solidarpakts wird es in Ostdeutschland noch Kommunen geben, die Nachholbedarf haben.

Es gibt aber auch Städte, die regelrecht boomen. Erfurt beispielsweise ist der absolute Aufsteiger im Zukunftsatlas.

Das Geheimnis dieser Stadt liegt zum einen in ihrer geographischen Lage. Erfurt liegt in der Mitte Deutschlands, sehr zentral. Der zweite Grund ist die Lebensqualität: Es hat in Erfurt im Krieg nur wenige Bombenschäden gegeben. Und die DDR hatte danach kein Geld, alles abzureißen und nach sozialistischem Ideal wieder aufzubauen. So konnten viele historische Stadtteile nach der friedlichen Revolution vor dem endgültigen Verfall gerettet werden. Neue Initiativen kamen hinzu: so haben wir etwa die Uni wieder gegründet. Die Stadt wirkt heute sehr jung.

Dennoch blieb Erfurt lange unter dem bundesdeutschen Radar.

Ihre zentrale Lage hat die Stadt Jahrzehntelang wegen der Teilung Deutschlands aber gar nicht nutzen können. Deswegen war uns nach der Wende klar, dass man jede Chance nutzen muss, um diese Zurückstellung aufzuholen.

Sie haben also als thüringischer Ministerpräsident nach der Wende dafür gesorgt, dass Erfurt Bahn-Drehkreuz wurde.

Das war eine logistische Herausforderung. Es ging um eine Linienführung der ICE-Strecke Berlin-München über Thüringen. Da gab es heftigen Streit. Die Sachsen beispielsweise wären lieber von Leipzig direkt nach Bayern gefahren – ohne Umweg über Erfurt. Für mich hängt aber die Zukunft eines Landes ganz wesentlich vom Anschluss an die internationalen Bahnlinien ab. Deswegen habe ich mich nachdrücklich bemüht, die Linie über Erfurt zu führen.

Wie genau?

Wir mussten das Projekt Stück für Stück durchsetzen. Ich habe alles getan, um den damaligen Verkehrsminister Matthias Wissmann zu überzeugen. Der Plan war vor allem beim Bund umstritten. Schließlich ist die Trasse eines der teuersten Verkehrsprojekte der Wiedervereinigung. Helmut Kohl hat sie ja im Kabinett beschlossen. Und schließlich hatte er blühende Landschaften versprochen. Kanzler Gerhard Schröder hat es dann nach 1998 wegen der Kosten ausgesetzt, wollte es eigentlich ganz stoppen. Anfang der 2000er Jahre ging es dann doch weiter – heute ist es nicht mehr aufzuhalten.

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