Zukunftsatlas 2013

Hier leben Herr und Frau Mustermann

Viel Wald, viel Mittelstand, viel Regen, gute Luft, aber etwas ab vom Schuss: Siegen-Wittgenstein ist laut Prognos-Zukunftsatlas der durchschnittlichste Kreis der Republik – und hat noch echte Prinzen und Prinzessinnen.
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Wanderer auf dem Sklupturenweg des Rothaarsteigs bei Bad Berleburg: Das Goldene Ei von Künstlerin Magdalena Jetelová soll die Urform allen Lebens symbolisieren. „Der Rothaarsteig hat sich touristisch zum Knaller entwickelt“, sagt Forstdirektor Diethard Altrogge. Quelle: Imago

Wanderer auf dem Sklupturenweg des Rothaarsteigs bei Bad Berleburg: Das Goldene Ei von Künstlerin Magdalena Jetelová soll die Urform allen Lebens symbolisieren. „Der Rothaarsteig hat sich touristisch zum Knaller entwickelt“, sagt Forstdirektor Diethard Altrogge.

(Foto: Imago)

Bad Berleburg/DüsseldorfHerr Mustermann kennt sich aus mit Röhren und Walzen. Oder mit Bäumen. Er arbeitet in einer Region, aus der kaum Patente angemeldet werden, die aber trotzdem Weltmeister um Weltmeister produziert. Weltmeister, die kaum jemand kennt. Herr Mustermann liebt die Natur, er hat in seiner Heimat davon zuhauf. Herr Mustermann heißt vermutlich Treude, Krämer oder Dickel, denn er wohnt in einem Kreis, in dem die Menschen häufig so heißen.

Im Zukunftsatlas 2013 des Forschungsinstituts Prognos liegt der Kreis Siegen-Wittgenstein in der Mitte. Prognos hat exklusiv für das Handelsblatt Gegenwart und Perspektiven der 402 kreisfreien Städte und Landkreise anhand von Kennzahlen zu Wirtschaft, Bevölkerung und Infrastruktur bewertet.

Siegen-Wittgenstein ist demnach der durchschnittlichste Landkreis Deutschlands. Ausreißer nach oben oder unten gibt es nicht. Weder bei der Arbeitslosigkeit, noch bei der Geburtenrate, noch bei den Unternehmensgründungen – und bei den Schulabbrechern auch nicht. Er liegt überall im grauen Bereich.

Reinhard Kämpfer ist einer, dem dieser Grauton ein wenig zu unauffällig ist. Ihn stört es ein wenig, dass seine Weltmeister eher die „Hidden Champions“ als die strahlenden Aushängeschilder sind. Dass ihn das stört, liegt an seinem Job. Er ist Kreiswirtschaftsförderer und sähe die Unternehmen in seiner Region gerne ein bisschen offensiver bei der öffentlichkeitswirksamen Vermarktung ihrer Erfolge.

„Doch sie wissen, dass sie Weltmarktführer sind, und damit ist gut“, sagt Kämpfer. Eine Patentanmeldung sähen viele der Mittelständler eher als Aufforderung der Konkurrenz zum Kopieren, denn als notwendige Werbung für den Kreis. Die Wittgensteiner und Siegener packenʼs halt an – und machen im Nachhinein keinen großen Rabatz um ihren Erfolg – das schwingt mit in Kämpfers Satz. Wohlwollend nennt er diese Haltung „bodenständig und solide“. Understatement könnte man auch sagen.

„Ehrlich und höflich“, fügt Ex-BVB-Torjäger Norbert Dickel hinzu, wenn er die Menschen in seiner Heimat beschreibt. Der jetzige Stadionsprecher des Fußball-Vizemeisters ist in Berghausen (Wittgenstein) aufgewachsen, hat dort das Fußballspielen gelernt.

Mit 22 ging er nach Dortmund, kehrt aber regelmäßig zu seiner Familie zurück. Als den Bad Berleburgern – zu der Stadt gehört Berghausen – das eigene Nummernschild, BLB, aberkannt wurde, war Dickel „richtig sauer“. Mittlerweile gibtʼs das „BLB“ statt dem „SI“ wieder und er würde es sich sicher holen, würde er zwischen Länderspiel und Kooperationsverhandlungen in Kitzbühel noch dort wohnen. Wenn er daheim von seinem ruhelosen Leben erzählt, hört er oft „So viel unterwegs sein wie du – das könntʼ ich net.“ „Net“ sagt der Wittgensteiner, nicht „nicht“.

Solider Mittelstand ist das Rückgrat der Wirtschaft
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13 Kommentare zu "Zukunftsatlas 2013: Hier leben Herr und Frau Mustermann"

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  • Ich verstehe den Artikel nicht überwiegend negativ. Wittiland hat es doch geschafft, sich aus einer armen und vom Siegerland abhängigen Gegend zu einem ausreichend selbstbewussten und im positivem Sinne soliden Flecken zu mausern. Noch eine Prise mehr Mut zu Veränderungen, Vermarktung und vor allem Zusammenarbeit über die Dorfgrenzen (Laasphe, Berleburg, E'brück) hinweg ...

  • Schade, dass Siegerland und Wittgenstein immer so negativ dargestellt werden. Das ermüdet. Wäre doch mal erfrischend zu lesen, welches die Stärken der Region sind und nicht alle Bewohner als Hinterwäldler darzustellen...

  • "Das erste Hochhaus der Stadt steht im Stadtteil Geisweid."
    Das ist doch schon seit ein paar Jahren abgerissen...

  • Sekundärtugenden...

  • Immerhin gibt es jetzt eine "Neu in Siegen"-Facebook-Gruppe. Alles wird gut :-)

  • Immerhin hat die Stadt Siegen gerade den 1. Preis der Deutschen Bank im Wettbewerb "Land der Ideen" gewonnen - das ist doch was!?!

  • Kleinebriese, das klingt irgendwie nach persönlichem Frust? Oder zumindest nach 20 Jahren Entwicklung der Stadt verpasst haben (ich glaube der Verlieren - Spruch ist von 1993?).

    Siegen ist keine Metropole, das ist klar, aber gerade das Siegerland bietet eine schöne Kombination aus Stadt und Land. Wo man städtische Infrastruktur wie Theater oder Uni (für die Studenten ganz wichtig: Ikea und 24h-Burgerläden ;)) nutzen kann, aber trotzdem von fast überall in maximal 10 Minuten inmitten schönster Natur ist. Wo man sich von dem Geld das man verdient noch ein schönes Häuschen leisten kann. Wo man nicht wie viele Leute an Rhein und Ruhr den halben Tag im Stau verbringt, sondern nach kurzer Heimfahrt aus dem Nachbartal Zeit für die Familie hat. Wo die Leute Fremden gegenüber vielleicht zurück haltender sind als anderswo, aber Freunden und Bekannten gegenüber auch ehrlicher, zuverlässiger, hilfsbereiter.
    Es gibt schlimmere Orte zum tot übern Zaun hängen. ;)
    (Der Durchschnittsplatz im Ranking wird beim nächsten Mal wohl übrigens Vergangenheit sein, der Kreis ist einer der schnellsten Aufsteiger seit dem letzten und vorletzten Ranking. Trotzdem ist ein Mittelfeldplatz nicht toll und natürlich muss weiter an der Verkehrsinfrastruktur, Freizeitangeboten für junge Menschen etc gearbeitet werden - nicht so sehr in Siegen, aber in Wittgenstein)

  • @marki70

    Sie müssen ein Siegerländer Original sein, diese Denken und ticken einfach anders. Nix Vorurteil, ich bin weder Lehrer, noch habe ich dort studieren müssen. Ich spreche nur aus eigenen Erfahrungen und David Werker offenbar auch-nur dass dieser damit Geld verdient.

  • Ein kleiner Hinweis noch: Es gibt im calvinistisch geprägten Siegerland eine höhere Konzentration an Männer-, Frauen, Kirchen- und Gemischten Chören als sonst irgendwo in Europa. Halleluhjah!

  • Gutes Finale - Ironie-ON: bravo!!

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