Zum 90. Geburtstag
Helmut Schmidt: Debattierer, Rhetoriker, Polemiker

Helmut Schmidt wird am 23. Dezember 90 Jahre alt. Der langjährige Weggefährte und politische Gegner Theo Waigel würdigt den Krisenkanzler, scharfzüngigen Rhetoriker und Vater der europäischen Währung.

Valery Giscard d'Estaing und Helmut Schmidt gehören zu den Vätern einer gemeinsamen Währung. Ohne das Europäische Währungssystem (EWS) hätte es den Delors-Plan und den Vertrag von Maastricht wohl nicht gegeben. Das EWS war zwar keine gemeinsame Währung, aber ein Regelwerk der Währungen zueinander. Es war in den 90er-Jahren an seine Grenzen gelangt. Es war auch notwendig, den ECU als Währungskorb durch eine gemeinsame Währung und den Namen Euro zu ersetzen. ECU als Namen hätten wir in Deutschland nicht akzeptiert. Der Vorschlag Franken scheiterte an Spanien, weil Felipe Gonzales nicht wollte, dass man die Währung in Spanien Franco genannt hätte.

Was wäre in den Krisenjahren 2001, 2002, 2007 und 2008 ohne eine gemeinsame Währung in Europa passiert? Es hätte eine Achterbahnfahrt der verschiedenen europäischen Währungen gegeneinander und untereinander gegeben. 30 europäische Währungen wären zum Spielball der Devisenspekulanten geworden und niemand, auch nicht die D-Mark, hätte einen Anker in Europa bilden können. In Frankfurt am Main findet sich jetzt die Telefonnummer, nach der Henry Kissinger vor Jahren ironisch gefragt hat.

Noch 1994 hat mich Helmut Schmidt in einem Buch der Nachgiebigkeit gegenüber der Bundesbank gescholten. Er fürchtete, wir würden damit den Prozess der gemeinsamen europäischen Währung verspielen. Damit lag er falsch. Im Augenblick gibt es viele Väter der europäischen Währung. Darunter befinden sich auch Stiefväter und solche, die den vergeblichen Versuch einer Abtreibung dieses Kindes versucht hatten. Noch 1996 traute mir Paul Volcker nicht zu, die Kriterien von Maastricht angesichts der Kosten der Deutschen Einheit zu schaffen. Obwohl die Briten früh erkennen ließen, dass sie 1999 nicht am Projekt der gemeinsamen Währung teilnehmen würden, haben die früheren Schatzkanzler Kenneth Clarke und Gordon Brown einen wichtigen positiven Beitrag geleistet. Kenneth Clarke war es, der 1993 angesichts einer veritablen Krise des EWS und der notwendigen Neuordnung vor einem Auseinanderbrechen des EWS warnte. Seine Mahnung wirkte, und es kam zu der Erweiterung der Bandbreiten, mit der der Bestand des EWS gesichert werden konnte.

Helmut Schmidt hat mir manchen Ratschlag und Entscheidungen mit auf meinen Weg gegeben. In den 80er-Jahren teilte er mir in fast militärischem Ton mit, dass ich der nächste Bundesverteidigungsminister sein solle. Ich lehnte dieses Ansinnen mit Erfolg ab, weil ich nicht einmal die Rangabzeichen der Soldaten ordentlich unterscheiden könne. Der frühere Verteidigungsminister antwortete mir nur, "das könne man alles lernen". Er warnte mich auch in den 90er-Jahren vor bestimmten Politikern seiner eigenen Partei. Er hatte damit leider recht, ohne dass es uns beiden gelungen wäre, die Machtgelüste solcher Politiker zu zähmen.

Wenn ich früher Helmut Schmidt besuchte, musste ich mir mindestens 15 Minuten kritische Bemerkungen über seinen Nachfolger Helmut Kohl anhören. Das hat sich geändert. In einer bemerkenswerten Rede bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der Universität Marburg hat Helmut Schmidt auf Gewissensentscheidungen und Güterabwägungen bei tiefgreifenden Herausforderungen hingewiesen. Dabei hat er die großen Entscheidungen von Helmut Kohl gewürdigt und ihnen seinen Respekt gezollt. Als Helmut Kohl dies las, bewegte es ihn so sehr, dass er sich nach Hamburg aufmachte und die beiden großen alten Männer dieser Republik ihren persönlichen Frieden schlossen. Das erinnert mich an meinen alten Vorschlag, wir bräuchten in Deutschland ein Oberhaus wie im Vereinigten Königreich. Das gäbe großen Männern wie Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Richard von Weizsäcker und Hans-Dietrich Genscher die Möglichkeit, sich zu Worte zu melden.

Es hat mich bewegt, in der für Deutschland so wichtigen Debatte über den Nachrüstungsdoppelbeschluss im Bundestag nach Helmut Schmidt sprechen zu dürfen. Ohne ihn wäre es zu diesem Beschluss, zur Einigkeit Europas und des Westens und letztlich zur Abrüstung nicht gekommen. Ich werde auch nie vergessen, dass ich auf seine letzte Rede im Deutschen Bundestag antworten durfte. Vor einem Jahr hat er mir die Freude gemacht, zum Politischen Club der Evangelischen Akademie zu kommen und dort Wegweisendes über die Große Koalition von 1966 bis 1969 auszusagen.

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