Zum Tod von Johannes Rau
Der menschlich nachhaltige Präsident

Menschen, Politiker allemal, brauchen ein Thema, manche mehrere. Johannes Rau hat ein einziges, großes Thema genügt und souverän vertreten: „Versöhnen statt spalten.“ Nicht zufällig klingt das Lebensmotto nach Pathos, Weihrauch und christlicher Verantwortung: Den Beinamen „Bruder Johannes“ hat er sich, wenn man so will, redlich und ernsthaft, früh erworben als Mitglied in der Bekennenden Kirche und, später, als ein an den Werten der christlichen Soziallehre orientierter Politiker.

Kein Wunder, dass der Politiker Rau bei dieser Prägung die allseitigen Heilserwartungen an die neue Profanreligion, die allmächtige Ökonomie, nicht nur nicht teilte, sondern ablehnte. In seiner letzten Weihnachtsansprache im Jahre 2003 warnte Bundespräsident Rau davor, „alle Lebensbereiche dem ökonomischen Denken zu unterwerfen.“ Und in seiner letzten Berliner Rede verwarf er eine Politik, die sich auf vor allem Machtkämpfe konzentriert und geißelte „Ehrgeiz, Gier, Anspruchsmentalität in Teilen der so genannten Eliten.“ Das große Aufheulen der Angesprochenen bedeutete ihm: Das saß.

In Raus politischen Katechismus gehörten dagegen allen anderen Werten voran: Solidarität und Loyalität, Werte jenseits der machtgeschützten Äußerlichkeiten. Das hieß auch: Die Sehnsucht der Bürger nach Antworten der Politik auf ethische, moralische Fragen war ihm längst geläufig, standen ihm näher als die ökonomischen Versprechungen der Politiker auf Zeit.

Denn er, 1999 zum Bundespräsidenten gewählt, kannte sie all zu gut. Er selber war durch und durch ein Machtpolitiker, ein homo politicus de Luxe gewesen, sein ganzes Leben war eines der Politik, des ständigen Machtzuwachses und der permanenten Machterhaltung: in der Landespolitik als fünfmaliger Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen (zweimal mit absoluter Mehrheit), dann als Kanzlerkandidat der SPD im Jahr 1987 und auch als Bundesvorsitzender der Partei (1993).

Immerhin war er über 40 Jahre in politischen Spitzenämtern, fast 20 Jahre Ministerpräsident, 31 Jahre im Bundesvorstand der SPD, 21 Jahre lang im Präsidium, 17 Jahre stellvertretender SPD-Chef: der Rekordhalter als längster aktiver Berufspolitiker. Seine politische „Erweckung“ hatte der Wuppertaler, am 16. Januar 1931 geboren, lange Jahre zuvor, bereits 1952 erlebt, als sich die Bundesrepublik wieder bewaffnete.

Doch der joviale Politiker und passionierte Skatspieler hielt am Anfang seiner Amtszeit als Bundespräsident nicht die besten Trümpfe in der Hand. Das kam nicht von ungefähr. Er war in einem jener typischen Polit-Händel zum Kandidaten gekürt worden, die in der Bevölkerung für Politikverdruss und Vertrauensschwund sorgen. Das wirkte nach. Und fand womöglich in seinem späten Beharren auf politischer Hygiene präsidiale Wiedergutmachung.

Der Eindruck in der Öffentlichkeit indes schien lange nicht abzuschütteln: Da hat sich einer ins Amt gedrängelt und dafür ein anderes in Tausch gegeben. Völlig falsch war der Eindruck ja nicht. Immerhin hat die SPD das oberste Amt im Staat als eine Belohnung und „Krönung“ der politischen Laufbahn Raus verstanden - und für ihn reserviert. Er selber hat dem Eindruck, dies solle seine letzte politische Ausfahrt sein, nicht widersprochen. Wohl auch nicht widersprechen können.

Entsprechend schlecht waren zunächst die öffentlichen Noten. Der Versöhner und Hirte predigte vor tauben Ohren, der Menschenfischer zog leere Netze ein. Die leise Stimme von Bruder Johannes fand kaum Gehör. Allzu versöhnlich passte sich der wenig ambitionierte, erhaben-unverbindliche Rededuktus dem Habitus des müde wirkenden Mannes an. Da wetterte kein leichthändiger "Rucker" wie Vorgänger Roman Herzog, und da stand schon gar kein in Würde versteinerter „General Dr. von Staat", den Richard von Weizsäcker so statuarisch gab. Ein Jahr lang fand der damals bereits 68-jährige Rau seinen eigenen Ton nicht. Vielleicht auch, weil das Verhältnis des ehemaligen Mitglieds in der Gesamtdeutschen Volkspartei Gustav Heinemanns zu Deutschland und seiner Geschichte nicht so demonstrativ unverkrampft war, wie viele Schwammdrüber-Zeitgenossen es gerne wollten.

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