Zum Tode Helmut Kohls
Der Unbeirrbare

Vom jungen Wilden zum Kanzler der Einheit: Helmut Kohl begann als Reformer und blieb bis zuletzt ein Visionär. Ein Visionär, der für ein Europa kämpfte, wie wir es heute kennen. Doch eins blieb er immer – streitbar.
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BerlinProfessionelle Deuter und Mythologen werden am Zeitpunkt des Todes von Helmut Kohl einiges zu interpretieren finden. Denn just in dem Moment, da sich Europa – das zuletzt so zerstrittene Europa – mit Rückenwind Frankreichs im Moment seiner größten Krise allmählich wieder gestärkt zeigt, stirbt der Politiker, der wie kein anderer seiner Vision eines geeinten Europa folgte. Ein Europa in dem es, wie er im Jahr 2001 noch glaubte, „nie wieder Krieg geben kann“. Und um das das nach Euro-Krise, Brexit, diplomatischen Ernstfällen und dem Erfolgszug von Populisten so schlecht stand. Hat ihm, dem bereits schwerkranken 87-Jährigen, das Zerren um Europa, den Euro, die Währungsunion so zugesetzt, dass seine Kräfte endgültig erlahmten? Oder haben ihm die Signale, die Kerneuropa zuletzt sandte, eine Last vom Herzen genommen?

Helmut Kohl hat es nach der auch von ihm unverhofften Wiedervereinigung im Jahre 1989 vermocht, gegenüber allen bangen Nachbarn das neue „Großdeutschland“ kleinzureden. Der Mann, gewappnet mit seinem zivilen Harmlos-Tarnanzug aus Strickjacke und Filzpantoffeln, der nicht nur mit dem russischen Präsidenten Michail Gorbatschow in der Sauna Politik trieb und auch François Mitterrand Pfälzer Saumagen vorsetzen ließ, nahm ihnen allen die Angst. Die Angst vor einem bald schon wieder drohenden germanisierten Europa. Einem Europa, in dem Deutschland die Führungsrolle zufiel. Einem Europa, was Kohls Nachfolgerin Angela Merkel heute zusammenbindet.

Der Pfälzer Kohl, nahe beim früheren deutschen Erzfeind Frankreich 1930 auf die Welt gekommen, agierte in ganz Europa mit seiner ganz eigenen Art der politischen Kunst: Sein steter Wechsel zwischen bieder-persönlichem und politisch-anekdotischem Erzählen wickelte sein Gegenüber oft genug in diese seine demonstrierte Gemütlichkeit ein. Ausgerechnet der Mann, der wie kein zweiter Bundeskanzler in der Geschichte der Bundesrepublik durch und durch ein gewiefter Machtmensch, ein Machiavellist höchster Güte und bereit war, alle Mittel zu nutzen, ausgerechnet er erreichte für Deutschland einen gigantischen Vertrauensvorschuss – mit bisher großer Belastbarkeit.

Kohl, der sich später immer wieder selbst zum „Kanzler der Einheit“ kürte, widerstand der Versuchung, im emotionalen Sog der friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands nationalistische Töne anzuschlagen. Das war keine Selbstverständlichkeit, schon gar nicht für den doch in seinen Reden und Appellen an die „Leut’“ oft und arg ins Pathetische und Sentimentale abgleitenden Gemütsmenschen. Doch auch das hatte, wie bei Kohl fast immer, Methode.

„In meinem gesamten politischen Leben war und ist persönliches Vertrauen immer besonders wichtig, wichtiger als rein formale Überprüfungen“, skizzierte er einmal sein wenig staatsmännisch daherkommendes Agieren. Doch schon in diesen wenigen Worten spiegeln sich früher Glanz und spätes Elend Kohls wider. Denn er bekennt sich mit diesen Worten dazu, ein politischer (später auch juristischer) Hasardeur zu sein, ein emotionaler Pfadfinder, den der persönliche Instinkt mehr leitet als kühle Vernunft, Vorschrift, Recht, Gesetz, Regeln.

In diesem Später, etwa in der Parteispendenaffäre, sollte ihm solches Verhalten zum Verhängnis werden. Doch während des europäischen Einigungsprozesses hat es viele Türen geöffnet: diese eher hemdsärmelige Art, fünfe gerade sein zu lassen. Bei Gorbatschow natürlich, dem er zwar zutiefst misstraute, aber der ihm traute. Sogar bei Margaret Thatcher, die ihm und seinem Land tiefes Misstrauen entgegenbrachte und auch bei Mitterrand, der sich erkennbar schwerer Bedenken hingab, dass wiedervereinte Deutschland könne Frankreich in Europa wenn zwar nicht marginalisieren, so doch übertrumpfen.

Die Tatsache, dass beide, Mitterrand und Thatcher, hinter Kohls Rücken die Wiedervereinigung dennoch hintertreiben wollten, hat den Herzenseuropäer womöglich irritiert. Abbringen von seinem beharrlich verfolgten Weg konnten die beiden Kohl, der Europa als späte Alternative zum Nationalstaat begriff, nicht. Doch die fällige Konsequenz aus dieser Überzeugung zog er nie: die politische Union.

Vielleicht war er da nur knallharter Realist. Unvergessen sind in diesem Zusammenhang die Worte von Jacques Attali, einem Intellektuellen, der damals Berater Mitterrands war: „Die Macht Deutschlands beruht auf der Wirtschaft, und die D-Mark ist Deutschlands Atombombe.“ Die Angst vor dem wiedererstarkten, womöglich übermächtigen Deutschland wirkte eben doch nach. Auch heute treibt sie Merkels Kritiker im Ausland um. Es ist ein ungewolltes Erbe.

Der „Euro-Fighter“, so nannte ihn 2012 Kohl-Biograf Hans-Peter Schwarz, ließ sich von seinen eisernen politischen Visionen leiten, von dem ihm politisch notwendig Erscheinenden, nicht von der Ökonomie. „Koste es was es wolle“: Europa musste sein, vereinigt, größer, tiefer und mit einem Deutschland, das endlich akzeptiert und tief verwurzelt würde. Die Rechnung, auch das wusste Kohl, sollte erst viel später ausgestellt werden. Damals war sie ihm egal. Mit Grund.

„Diese Union steht für unsere gemeinsame Entschlossenheit, der jahrhundertelangen Zerstrittenheit ein Ende zu setzen und die früheren Trennungslinien auf unserem Kontinent hinter uns zu lassen“, befanden im Jahre 2003 Kohl und mit ihm sämtliche europäischen Staatsoberhäupter. Damals feierten sie – zu Füßen der Akropolis (!) – den Beitritt von zehn neuen Mitgliedsstaaten.

Damals ordnete der passionierte Homo politicus alles der Politik und dem großen politischen Ziel der Aussöhnung mit den europäischen Nachbarn unter. Er kannte damals, merkt sein Biograf Schwarz milde spöttisch an, „kein schöneres Ziel, als möglichst viel von deutscher Souveränität auf Europa zu übertragen.“

Innenpolitisch wurde Kohl wegen dieser europäischen Visionen, an denen jegliche ökonomischen Bedenken zerschellten, hart angegangen. Kurt Biedenkopf, früher von Kohl gefördert bis zum Generalsekretär, dann wie so viele andere seiner Wegbegleiter in Ungnade gefallen, schalt: „Deutschland hat im Grunde keine Möglichkeit mehr, die Fortsetzung seiner Geldpolitik in der EU einzuklagen, falls die anderen Teilnehmer sich eines anderen besinnen sollten.“

Kommentare zu " Zum Tode Helmut Kohls: Der Unbeirrbare"

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  • @ Enrico Caruso

    Haben Sie Quellen dazu, dass der Euro eine Herzensangelegenheit Kohls war? Würde mich wirklich interessieren. Er dachte dann eben auch nur politisch, war aber ökonomisch unbedarft. Direkte Erpressung durch Frankreich gab es natürlich nicht, aber Frankreich (unter Mitterand) hatte mit das größte Interesse an einer gemeinsamen Währung:
    "Wir erwähnten bereits, daß die Bundesbank weniger inflationierte als die anderen Währungsbehörden und daß ihr dies die Feindschaft vieler politisch organisierter Gruppen im In- und Ausland zuzog. Es war somit klar, daß die ausländischen Regierungen eine Währungsreform anstrebten, die ihnen Einfluß auf die Entscheidungen der Bundesbank verschaffte. (...)
    Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, daß einige Kritiker der Regierung Kohl den Vorwurf machten, die D-Mark als Preis für die Wiedervereinigung Deutschlands verhökert zu haben. Aus Sicht dieser Kritiker war die Abschaffung der verhaßten Bundesbank der Preis, den die Regierungen Frankreichs, Großbritanniens und der Vereinigten Staaten für ihre Zustimmung zur Wiedervereinigung verlangten. Diese Theorie hat in der Tat einiges für sich." (aus dem Nachwort von Dr. Jörg Guido Hülsmann zu: Murray Newton Rothbard: Das Schein-Geld-System, Gräfelfing: Resch, 1999, S. 130)

  • Kaum eine der Kohl Aussagen hält heute noch der Realität stand.

  • »Ich bin überzeugt, dass die Erfolgsgeschichte der D-Mark in unserem Land mit einer Erfolgsgeschichte des Euro weitergeht. Die Vorzüge, die wir mit der D-Mark erarbeitet haben und an der D-Mark – zu Recht – schätzen, gehen nicht verloren. Sie werden in ein größeres Ganzes zum Vorteil Deutschlands und zum Vorteil Europas eingebracht.«

    »Der Euro eröffnet große Chancen für neue wirtschaftliche Dynamik, für dauerhaftes Wachstum und dringend benötigte zukunftssichere Arbeitsplätze im 21. Jahrhundert.«

    »Meine Damen und Herren, der Euro und die Europäische Währungsunion sind in gar keiner Weise ein unkalkulierbares Risiko.«

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