"Zur Not auch Köpfe austauschen"
Industrie greift Banker frontal an

Die restriktive Kreditvergabe der Banken wird offenbar langsam zur unerträglichen Belastung für die Realwirtschaft. In ungewöhnlich scharfer Form griff der Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Martin Kannegiesser, die Finanzwirtschaft deshalb an.

BERLIN/DÜSSELDORF. "Wir erwarten von den Banken, dass sie nun endlich ihre durch den staatlichen Schutzschirm wiederhergestellte Funktionsfähigkeit nutzen, um ihren Beitrag zur Bewältigung des durch ihr Verhalten ja enorm beschleunigten weltweiten Abschwungs zu leisten", sagte Kannegiesser dem Handelsblatt.

Es könne nicht sein, dass die Finanzwirtschaft, statt die Unternehmen mit Liquiditätzu versorgen, einen Teil des staatlichen Schutzschirms nutze, um ihre Bilanzen zu sanieren. "Man hat den Eindruck dass die Banken nun überhaupt kein Risiko mehr eingehen und sich alles vom Staat bezahlen lassen wollen." Notwendig sei auch eine neue Bereitschaft der Banken, mit dem Umfeld zu kommunizieren und Fehler einzugestehen. "Wenn die derzeitigen Vorstände nicht bereit sind, öffentlich mitzuteilen, wie sie verlorengegangenes Vertrauen wiederherstellen wollen, müssen zur Not auch Köpfe ausgetauscht werden."

In der Wirtschaft stößt die restriktive Kreditvergabe der Banken bereits seit Wochen sauer auf. "Natürlich haben wir eine Kreditklemme", polterte erst vergangene Woche MAN-Finanzvorstand Karlheinz Hornung. Vor allem die mittelständischen Kunden aus dem Speditionsgewerbe erhielten kaum noch Kredite. MAN hat reagiert: Die im Sommer gegründete MAN Finance hat die Kundenfinanzierung bereits auf rund zwei Milliarden Euro ausgeweitet. Auch Siemens hat angekündigt, seinen Kunden mit einer verstärkten Absatzfinanzierung unter die Arme zu greifen. Nach Beobachtung von Detthold Aden, Präsident der deutschen Seehäfen und Vorstandsvorsitzender der BLG Logistics Group, lohnt es sich für die Unternehmen derzeit kaum, sich an ihr Kreditinstitut zu wenden. "Die Banken sagen ihnen momentan: ,Kommen Sie im Januar wieder'", sagte Aden kürzlich im Club Wirtschaftspresse München.

Entsprechend häufen sich die Beschwerden. Bosch-Chef Franz Fehrenbach machte vor kurzem die schleppende Kreditvergabe dafür verantwortlich, dass einzelne Autozulieferer bereits pleitegegangen seien oder Fabriken geschlossen hätten. Der Chef des Autozulieferers Kirchhoff, Arndt Kirchhoff, forderte die Bankenbranche auf, das Geld aus dem 500 Mrd. Euro schweren Rettungspaket an die Realwirtschaft weiterzugeben. Dies verlangte gestern auch IG-Metall-Chef Berthold Huber. Gesamtmetall-Chef Kannegiesser hält das für keine gute Idee. "Wir brauchen ein funktionierendes Finanzsystem. Es ist der Blutkreislauf der Wirtschaft, Wenn die Bankchefs allerdings weiter in ihrer Schockstarre verharren, muss man über Alternativen nicht zum Bankensystem, aber zum Management nachdenken."

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche
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