Zwanzig Jahre Mauerfall
Der wahre Tag der Einheit

Am 9. Oktober 1989 protestierten in Leipzig 70 000 gegen die SED-Diktatur und für die Freiheit. Ohne ihren Mut wäre einen Monat später die Mauer nicht gefallen. Wie ein Demonstrant und ein Polizist dabei halfen, die Staatsmacht der DDR gewaltlos zu entmachten.

LEIPZIG. Als Jens Illing am 9. Oktober 1989 morgens seinen Dienst beginnt, ist er nicht sicher, ob es den Staat, in dem er lebt, abends noch geben wird. In der Kaserne der 21. Volkspolizei-Bereitschaft in Leipzig herrscht an diesem Montag Hektik. Illing ist stellvertretender Waffenwart der 2. Kompanie, er leistet seinen Wehrdienst ab. Er ahnt, dass heute Tausende auf die Straße gehen werden, um gegen den Staat zu demonstrieren.

Mittags schwört der Kompaniechef Illings Einheit auf den Einsatz ein: "Genossen, ab heute ist Klassenkampf. Genau wie am 17. Juni 53 entscheidet sich heute - die oder wir. Wenn die Knüppel nicht ausreichen, wird die Waffe eingesetzt."

Illing ist entsetzt. Noch drei Wochen, dann darf er endlich das Koppel mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz abschnallen. Und nun soll er für die SED den Kopf hinhalten? Die Republik retten? Ob er, der Waffenwart, heute also scharfe Munition ausgeben soll, fragt Illing. Was passiert, wenn die Demonstranten Widerstand leisten? Antwort: "Dann nietet ihr den Mob eben um."

Auch Detlef Wolff begreift den Ernst der Lage in einer Dienstbesprechung. Wolff, 34, ist Arzt an der Universitäts-Frauenklinik in Halle. Die SED-Bezirksleitung hat das Krankenhaus in Alarmbereitschaft versetzt. Alle Mitarbeiter sollen nach Feierabend dableiben, um Verwundete zu versorgen.

Wolff hat längst alles vorbereitet. Wenn geschossen wird, will er mit seiner Frau und den beiden kleinen Söhnen abhauen. Mit einer gefälschten Einladung eines bulgarischen Kollegen hat er ein Visum beantragt, mit dem die Familie in die Tschechoslowakei oder nach Ungarn käme. Sogar Arbeitsmöglichkeiten für Frauenärzte wie ihn in Hamburg, wo seine Tante wohnt, hat Wolff ausgekundschaftet. "Ich wollte nicht den Rest meines Lebens in einem Gefängnis verbringen", sagt er heute.

Überstunden für den Staat? Der Klinikleiter, selbst SED-Mitglied, weigert sich. Also fährt Detlef Wolff nach der Schicht nach Leipzig, um Revolution zu machen.

Jens Illing und Detlef Wolff kennen sich bis heute nicht. Aber am 9. Oktober 1989 ahnen beide, dass es zum Äußersten kommen kann - dass Illings Kameraden auf Wolffs Mitdemonstranten schießen. Sie stehen einander gegenüber, und sie stehen doch auf derselben Seite.

Der 9. Oktober 1989 brachte die Wende. An diesem Montag vereinten sich die Menschen zum ersten Mal zu einem Band auf dem Ring um die Leipziger Innenstadt. Sie zwangen die SED-Diktatur in die Knie und läuteten den Anfang vom Ende der DDR ein. Die Mauer in Berlin fiel zwar erst am 9. November, doch schon am 9. Oktober versetzten ihr 70 000 in Leipzig den Stoß, der sie vier Wochen später zum Einsturz bringen würde. Weil Polizisten wie Illing nicht schossen. Weil Demonstranten wie Wolff nicht randalierten.

Der 9. Oktober ist für Menschen wie Illing und Wolff der wahre Tag, der die friedliche Revolution und die deutsche Vereinigung möglich machte.

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