Zwei Jahre als Flüchtling in Deutschland
Wanderer zwischen den Welten

Nach zwei Jahren in Deutschland zieht der junge Syrer Ammar Monadjed Bilanz: Er kann jetzt Deutsch, unterrichtet Flüchtlinge und will studieren. Aber das Klima, so empfindet er, hat sich mit dem Terror verschlechtert.

Kiel, AleppoWährend Ammar Monadjed (28) in der Kieler Altbauwohnung dem Gast Kaffee eingießt, spricht er über seine Eltern in Aleppo: „Ich habe immer Angst, mehr als früher.“ Die Einschläge von Raketen und Bomben hätten auch in ihrem von Regierungstruppen kontrollierten Stadtteil zugenommen, aber die Eltern wollen in der hart umkämpften Stadt, ihrer Heimat, bleiben. Fast täglich hat der syrische Flüchtling, der vor zwei Jahren aus Aleppo über den Balkan nach Deutschland kam, mit den Eltern Kontakt über Nachrichten-Apps. Telefonieren ist schwieriger, aber es klappt dann doch manchmal.

Wie die aktuelle Lage in Aleppo ist? „Die ändert sich täglich“, sagt Monadjed. Die regelmäßigen Kontakte mit den Eltern und Freunden bestätigten die Darstellungen von Uno und Medien weitgehend: In dem von Rebellen gehaltenen kleineren Ost-Aleppo ist die Lage dramatisch, während es in dem von der syrischen Armee kontrollierten größeren Stadtbereich nicht ganz so schlimm ist - weil die Assad-Truppen vom Hinterland den Zugang kontrollieren. Es gebe aber auch dort Ausfälle bei der Trinkwasserversorgung, und es fehle zeitweise an einigen Nahrungsmitteln. Strom werde oft lokal mit Diesel-Generatoren erzeugt, meist nur noch sechs bis acht Stunden am Tag (zuvor zwölf Stunden), die Menschen müssten den privaten Betreibern Geld zahlen.

„Es ist alles sehr viel teurer geworden - mehr also doppelt soviel wie vorher“, gibt Monadjed die nicht überprüften Berichte wieder. Das eigene Haus der Eltern in Aleppo ist längst zerstört, seit einiger Zeit wohnen sie in einem anderen Stadtteil, der zunächst noch als nicht so gefährlich gegolten hatte.

Ans Küchenfenster der Kieler Wohnung prasselt an diesem düsteren Augustmorgen Regen, Gewitter leuchten, es donnert. „Das ist einer der Gründe, warum ich mal aus Kiel weg will“, sagt der 28-Jährige lachend über das Schietwetter in diesem Sommer im Norden.

Die Integration des jungen Syrers, so würden es wohl Fachleute sagen, ist nach zwei Jahren in Deutschland auf einem guten Weg – am Ziel ist er aber noch längst nicht. Drei Deutsche haben ihn in ihre WG in der Wohnung nahe am Hauptbahnhof aufgenommen. Monadjed kann inzwischen richtig gut Deutsch. Seit dieser Woche arbeitet er als Dozent in einem Flüchtlingsprojekt für die Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Kiel. Und er spielt in der Fußball-Freizeitmannschaft „Atemlos“ mit – „als einziger Flüchtling“, wie er nicht ohne Stolz anmerkt.

Nach mehreren Deutschkursen hat Monadjed von sechs möglichen Leistungsstufen die fünfte erreicht. Seine Level ist C1 – das ist laut Otto Benecke Stiftung (OBS) in Bonn das für Studium und Beruf notwendige Niveau. Monadjed erhielt nach einem Test ein Stipendium für einen Intensiv-Deutschkurs in Hamburg finanziert. „Es ist reines Glück gewesen, dass mir eine deutsche Freundin von der Stiftung erzählt hat, die ich vorher nicht kannte“, sagt Monadjed.

Monadjed hat in Syrien englische Literatur studiert. „In Deutschland wollte ich eigentlich Englisch und Sport fürs Lehramt studieren.“ Aber fürs Englischstudium hätte er den Toefl-Test machen müssen, das wäre zu viel gewesen parallel zum intensiven Deutschkurs. Nun erwägt er, an der Fachhochschule Kiel Sozialarbeit zu studieren.

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