Zwickel bot sofortigen Rücktritt an
Neuer Kandidat greift in den Machtkampf der IG Metall ein

Nach der gescheiterten Marathonsitzung des IG-Metall-Vorstands steht die Gewerkschaft jetzt vor einer monatelangen Zerreißprobe. IG-Metall- Chef Klaus Zwickel sagte am Mittwoch, er erwarte eine Entscheidung des Machtkampfes zwischen Modernisierern und den von seinem Vize Jürgen Peters repräsentierten Traditionalisten erst auf dem Gewerkschaftstag im Oktober. Als möglicher Nachfolger Zwickels brachte sich gestern der Chef des Bezirks Küste, Frank Teichmüller, ins Spiel. Er wird dem Reformflügel zugerechnet.

dc/HB DÜSSELDORF. Gleichzeitig rücken für die IG Metall nun auch einflussreiche Gesamtbetriebsratsvorsitzende großer Automobilkonzerne in den Kreis möglicher Kandidaten. „Darin wäre in jedem Fall ein belebendes Element zu sehen“, erfuhr das Handelsblatt aus Kreisen der Frankfurter Gewerkschaftszentrale. In ungewöhnlichen Zeiten müsse man auch an außergewöhnliche Lösungen denken.

Klar ist jetzt schon, dass die vom Vorstand im April beschlossene Tandemlösung mit Peters als neuem Gewerkschaftschef und dem als Reformer geltenden baden-württembergischen Bezirksleiter Berthold Huber als Vize gescheitert ist. Huber, der Wunschkandidat Zwickels, hat inzwischen auf eine Kandidatur für ein Führungsamt verzichtet. Ein neuer Kandidat, der bereit wäre, neben Peters den Vizeposten zu übernehmen, war zunächst nicht in Sicht. Der Frankfurter Bezirksleiter Klaus Mehrens sagte, nach Hubers Rückzug werde es schwer, eine neue Führungsmannschaft aufzustellen.

Im Machtkampf um die IG-Metall-Spitze warf am Mittwoch Frank Teichmüller seinen Hut in den Ring. „Es könnte eine Situation geben, in der ich das machen würde“, sagte der Chef des Bezirks Küste. „Ich schließe zurzeit nichts aus.“ Zuvor hatte der 59-Jährige stets betont, er werde nicht für die IG-Metall-Spitze oder den Vizeposten kandidieren. Jetzt sagte Teichmüller: „Ich stehe nur in einem Team zur Verfügung. Ich schließe aber aus, dass ich in einem solchen Team neben Peters antrete.“

Angesichts der tiefsten Krise der IG Metall in ihrer Geschichte forderte Zwickel die Gewerkschaftsbasis zu mehr Engagement auf. Betriebsräte und Vertrauensleute müssten sich verstärkt in die Diskussion um die künftige Führung einmischen. Da der amtierende Vorstand die Krise derzeit nicht lösen könne, sollten die ehrenamtlichen Funktionäre in den Betrieben „die politische Neuausrichtung der Gewerkschaft und die künftige Besetzung der Vorstandsspitze beeinflussen“.

Am Vorabend war es Zwickel in einer fast 13-stündigen Sitzung nicht gelungen, Peters wegen des verloren Streiks in Ostdeutschland zum Rückzug aus der Gewerkschaftsführung zu bewegen. Zwickel, der im Oktober aus Altersgründen als IG-Metall-Chef ausscheidet, hatte sogar seinen sofortigen Rücktritt angeboten, falls zugleich auch Peters aufgebe. Auch der Vorschlag, dass der gesamte Vorstand zurücktritt und ein außerordentlicher Gewerkschaftstag einberufen werden solle, fand keine Mehrheit. Laut IG Metall wird es frühestens auf der nächsten Vorstandssitzung Anfang September einen neuen Personalvorschlag für den Gewerkschaftstag im Oktober geben.

Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser bedauerte, dass die IG Metall ihre Führungskrise nicht lösen konnte. „Dies erschwert die Arbeit natürlich weiter“, sagte er in Frankfurt. Kannegiesser warnte vor einer weiteren Flucht von Betrieben aus dem Flächentarifvertrag, falls die IG Metall den Unternehmen weiter „zu viel zumutet“. Zudem forderte er mehr Flexibilität der Tarifverträge für betriebliche Vereinbarungen zu Arbeitszeit und Entgelt. Von einem neuen IG-Metall-Chef erwarte er eine große Integrationskraft, sagte Kannegiesser.

Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) bezeichnete den Machtkampf in der IG Metall als Trauerspiel. „Dass diejenigen, die jetzt in diesem Streit verbissen sind, nicht mehr als Führungsfiguren geeignet erscheinen, dass – glaube ich – ist offenkundig geworden“, sagte Schily. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) betonte, die Regierung sei auf handlungsfähige Gewerkschaften angewiesen.

Nach Angaben von Betriebsräten nehmen an der Gewerkschaftsbasis die Proteste der einfachen Mitglieder gegen das Machtpoker zwischen Zwickel und Peters zu. In dem von Huber geleiteten Bezirk Baden-Württemberg würden Mitglieder ihren Austritt aus der Gewerkschaft oft mit Peters’ Verhalten begründen, sagte ein Gewerkschaftssprecher. Aus Ärger über die gescheiterten Streiks im Osten und den Machtkampf im Vorstand haben auch in Bayern viele Mitglieder der IG Metall den Rücken gekehrt. Nach dem Streikdebakel habe es knapp 500 Austritte vor allem bei BMW gegeben, sagte der bayerische IG-Metall-Chef Werner Neugebauer. Dem Berliner „Tagesspiegel“ zufolge verlor die Gewerkschaft im ersten Halbjahr 2003 bereits 50 000 Mitglieder, so viele wie im gesamten Vorjahr.

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