Zwischen Kita und Senat
3 Stunden Mutter, 15 Stunden Politikerin

Mütter in Führungspositionen sind rar, in der Politik eine Ausnahme. Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Leonhard ist eine von ihnen. Wie sie ihre Arbeit und den anderthalbjährigen Sohn managt: Ein Tag aus ihrem Leben.

HamburgDie linke Hand für den Kinderwagen, die rechte für den Rollkoffer: In der Harburger Luft liegt noch Müdigkeit, als sie sich um 8 Uhr morgens auf den Weg macht, um ihr Kind in die Kita zu bringen. Dann beginnt ihr Arbeitstag. Ein Arbeitstag, der etwa 15 Stunden dauern wird. Auf den Beinen ist sie schon seit drei Stunden.

Melanie Leonhard (SPD) ist Hamburgs Senatorin für Arbeit, Soziales, Familie und Integration. Mit 38 Jahren leitet sie eine Behörde mit 800 Mitarbeitern, zuständig für all die Brennpunkt-Themen der Stadt. Und sie hat einen anderthalbjährigen Sohn: Johannes, vergnügt und zuckersüß.

Als Arbeits- und Familiensenatorin ist es Leonards Hauptjob, die Vereinbarkeit von Kind und Karriere zu ermöglichen. Und sie selbst soll als gutes Beispiel vorangehen. Aber wie?

Es gibt sie – die jungen Mütter in der Politik. Die hohe Ämter bekleiden – und so nicht nur die Verantwortung für ein Kleinkind haben, sondern auch für Millionen von Menschen. Doch es sind nur wenige.

Im Bundeskabinett sitzen Manuela Schwesig (SPD) und Andrea Nahles (SPD). Schwesig bekam im März eine kleine Tochter und will im Mai wieder ihre Arbeit aufnehmen. Ihr Mann nehme dann Elternzeit und kümmere sich um das Kind, heißt es. Andrea Nahles’ vierjährige Tochter lebt bei ihrem Vater. Auch auf Länderebene sind junge Mütter in den Kabinetten und Senaten rar. In Bayern gibt es Melanie Huml (CSU), Staatsministerin für Gesundheit und Pflege, 40 Jahre, zwei kleine Söhne. Der jüngste wurde im vergangenen Jahr geboren. Bremen kann Claudia Bogedan (SPD) vorweisen: Senatorin für Kinder und Bildung, 41 Jahre, ein kleiner Sohn. Im April gab sie bekannt, ihr zweites Kind zu erwarten. Und Hamburg hat Melanie Leonhard. Das sind alle.

5 Uhr – die Nacht ist vorbei, Johannes ist wach. Für Mutter und Kind beginnt der Tag. Die beiden verbringen den Morgen zusammen, ihr tägliches Ritual. Gegen 8 Uhr geht es los in Richtung Kita. 15 Minuten Fußweg – Johannes im Kinderwagen, die Senatorin im schlichten Wickelkleid und auf hohen Schuhen, die Unterlagen im Rollkoffer. Es ist die einzige Zeit, die Mutter und Sohn zusammen haben. Und die soll ihnen niemand wegnehmen.

Später am Tag werden die Großeltern Johannes abholen und ihn bis abends betreuen. Bis seine Eltern von der Arbeit nach Hause kommen. Meist ist es Leonhards Mann zuerst da. „Ohne die Hilfe der Großeltern müsste ich wohl eine Nanny beschäftigen“, sagt Leonhard – und das will sie nicht. Ohne die Hilfe der Großeltern wäre sie wohl nicht Senatorin. Jetzt aber wartet ihr Wagen vor der Kita. Mit der Fahrerin spricht Leonhard den Tag durch. Jeden Morgen der gleiche Ablauf. Es ist alles durchorganisiert.

Es ist 8:26 Uhr, der dunkle Wagen startet. Vom Harburger Rathausplatz in den nördlichen Stadtteil Barmbek, dort ist die Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration. Einmal quer durch eine Millionenstadt, wie jeden Morgen verstopft. Während der Fahrt arbeitet Leonhard: macht Telefontermine, liest, bereitet sich auf Grußworte vor. Nichts zu tun? Nein, das passiert ihr nie. 

9:03 Uhr: Leonhard betritt ihr Büro. „Morgenlage“ ruft ihre Sekretärin durch die Gänge. Büroleiter, Persönlicher Referent und Pressesprecher haben auf den Zuruf gewartet. Bei ihrem Vorgänger Detlef Scheele (SPD) war das anders: Jeden Morgen fand pünktlich zur gleichen Zeit das morgendliche Meeting statt. Bei Leonhard weiß niemand, wann sie genau im Büro eintrifft – wegen Johannes.

9:40 Uhr: Morgenlage beendet. Nächster Termin: 10:15 Uhr. Ein Treffen mit Hamburgs Erstem Bürgermeister Olaf Scholz (SPD). Leonhard setzt sich schnell an den PC, beschäftigtes Tippen, schon ruft die Sekretärin: „Sie müssen dann auch los, Frau Leonhard.“

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