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10.07.2008 
Bürgersprechstunde im Wald

Zypries' wahltaktisches Wandern

von Heike Anger und Claudia Schumacher

Vor der Sommerpause wandert Bundesjustizministerin Brigitte Zypries mit ihrem Wahlkreis durch die Umgebung von Darmstadt. Damit will sie das Image der SPD aufpolieren, aber auch ihr eigenes. Denn für beide sind die Umfragewerte alles andere als gut.

Bundesjustizministerin Brigitte Zypries wandert mit ihrem Wahlkreis in der Umgebung von Darmstadt. Foto: BundesjustizministeriumLupe

Bundesjustizministerin Brigitte Zypries wandert mit ihrem Wahlkreis in der Umgebung von Darmstadt. Foto: Bundesjustizministerium

DÜSSELDORF/DARMSTADT. Nach 9949 Schritten ist es geschafft. Nun kann es zum gemütlichen Teil des Abends übergehen. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) und 63 Bürger aus ihrem Wahlkreis in Darmstadt sind an der Weinlaube auf dem Roßberg angekommen. Zypries gesellt sich zu den Wanderern an einen Tisch, schenkt ihnen ein Glas Wein ein und reicht Brezeln herum.

Zypries ist mit ihrem Wahlkreis für die eigene Partei unterwegs, aber auch in eigener Sache. Sollte die SPD bei der nächsten Bundestagswahl schlecht abschneiden, könnte dies auch ihr Direktmandat im Wahlkreis Darmstadt gefährden. Die Bundesjustizministerin hat also allen Grund, ihre Wanderschuhe fest zu schnüren.

Seit Herbst 2002 sitzt Zypries als Justizministerin im Bundeskabinett, 2005 kandierte sie zum ersten Mal im Wahlkreis 187 für den Deutschen Bundestag. Als gebürtige Kasselerin, also eine Nordhessin, gar keine leichte Aufgabe in Südhessen – schließlich mögen sich die beiden Landesteile ähnlich gern wie die Deutschen und die Niederländer. Dennoch gewann Zypries souverän das Bundestagsmandat. „Damals habe ich mir überlegt, wie ich die Bürgerinnen und Bürger im Wahlkreis besser kennen lernen kann - und umgekehrt natürlich“, sagt die Ministerin. Weil sie selber gerne durch die Natur wandert, lag es nahe, den Wahlkreis gemeinsam mit den Bürgern zu erkunden. Das macht Zypries nun seit drei Jahren in jedem Sommer.

Während die 54-Jährige sich mit den Wanderwilligen im Bessunger Forst in Bewegung setzt, sind viele ihrer sozialdemokratischen Kollegen schon längst mit der privaten Urlaubsplanung beschäftigt. Außenminister und Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier zieht es mit der Familie nach Südtirol, Finanzminister Peer Steinbrück entfleucht ins Heidiland, Fraktionschef Peter Struck tourt mit dem Motorrad durch die kanadischen Rocky Mountains und Gesundheitsministerin Ulla Schmidt veranstaltet mit Freunden in Spanien Kochabende. Am Montag geht es dann aber auch für Zypries in die Ferien.

Drei Wandertouren stehen bis dahin noch an. Genügend Zeit, noch ein paar Wähler auf die Seite der Sozialdemokraten zu ziehen. Zypries zeigt keine Berührungsängste, geht durch die Reihen, lacht viel und plaudert mal hier, mal dort ein wenig mit den Wanderern – über die geplante Umgehungsstraße, Hartz IV oder auch persönliche Probleme. Die Sicherheitsbeamten des BKA laufen im Freizeitdress dezent hinterher. Störenfriede haben sie hier nicht zu erwarten. Denn Zypries gilt bei ihrem Wahlkreis als beliebt.

Zumindest im Kleinen dürfte der Wander-Event ihre Popularität steigern. Und das ist auch dringend nötig: Laut einer Forsa-Umfrage für das Magazin „Stern“ wussten nur 22 Prozent der Befragten, dass Zypries das Amt als Bundesjustizministerin bekleidet. Allein Arbeitsminister Olaf Scholz ist noch unbekannter.

An Zypries' Engagement vor Ort kann es nicht liegen. Jedem Wanderer schenkt sie einen Schrittzähler – die Ministerin unterstützt die Aktion „Jeden Tag 3000 Schritte extra“ des Gesundheitsministeriums. Zypries hat für alle Pflaster dabei, und als ein Junge anfängt zu weinen, zückt sie schnell eine Tüte Gummibärchen.

Doch was mag der Ministerin in den Momenten durch den Kopf gehen, da nur gewandert und nicht geplaudert wird? Denkt sie an die im ersten Halbjahr gestemmte große GmbH-Reform, die neuen Finanzmarktgesetze, das modifizierte Familienrecht? Sinniert sie über ihre erbitterten Kämpfe mit Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) über das BKA-Gesetz, die Online-Durchsuchung und das Bundesmelderegister? Erinnert sie sich an ihren Auftritt vor dem BND-Untersuchungsausschuss, bei dem sie beteuerte, sie habe über geheime CIA-Gefangenenflüge über deutschem Hoheitsgebiet nichts gewusst?

Ruft sie sich ins Gedächtnis, wie sie mit Unterstützung von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) die Brüsseler Kritik am VW-Gesetz abtropfen ließ? Oder den Moment, in dem sie sich aus Taktgefühl im Kabinett als eine der wenigen gegen die Erhöhung der Abgeordnetendiäten stellte? Oder kommen der Naturfreundin so mitten im Wald wieder die obskuren Anfeindungen in den Sinn, sie profiliere sich mit ihrem Dienstwagen – einem Audi A8 TDI mit 246 Gramm CO2-Ausstoß pro Kilometer – als Umweltsünderin?

Vielleicht denkt Zypries in diesem Moment auch an ihren Parteivorsitzenden Kurt Beck, der als Urlauber an der Mosel radelt. Letztlich ist doch vor allem der Pfälzer Schuld, dass sich die Justizministerin in diesem Jahr bei ihren Wählern besonders ins Zeug legen muss. Die Umfragewerte der SPD sind katastrophal: Wäre am Sonntag Bundestagswahl, kämen die Sozialdemokraten dem jüngsten ARD-Deutschlandtrend zufolge nur auf 25 Prozent.

Und der SPD-Parteichef selbst stürzt in den Umfragen auf die schlechtesten Werte ab, die jemals für ihn gemessen wurden. Wäre das auch so, hätte Beck nach der Landtagswahl in Hessen ein Bündnis mit der Linkspartei kategorisch ausgeschlossen, statt ein solches freizustellen?

Lange kann Zypries darüber jedoch nicht nachdenken. Für die heutige Wandertour haben sich ein paar Dokumentarfilmer angemeldet. Sie wollen in der Natur mit Zypries über das Urheberrecht debattieren. „Die haben gesagt, sie bekämen sonst doch nicht die Gelegenheit, zweieinhalb Stunden mit einer Ministerin zu sprechen“, erzählt Zypries. „Aber zweieinhalb Stunden lang können sie das auch heute nicht. Sie sind ja nicht die Einzigen, die mitgehen.“

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