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11.06.2007 
Hintergrund-Informationen zum neuen Indikator

Der Handelsblatt-Barclays-Indikator unter der Lupe

von Norbert Häring und Dorit Heß

Das Handelsblatt veröffentlicht seit Juni monatlich ein neues Konjunktur-Barometer: den Handelsblatt-Barclays-Indikator. Er quantifiziert das Wirtschaftswachstum in dem Quartal, für das noch keine offiziellen Wachstumszahlen vorliegen. Das neue Barometer löst den bishering Handelsblatt-Frühindikator und den Eurokonjunktur-Indikator ab.

Mit dem neuen Indikator versucht die britische Investmentbank Barclays Capital, die ihn exklusiv für das Handelsblatt berechnet, das aktuelle Wirtschaftswachstum deutlich vor der amtlichen Statistik zu beziffern.

Das Statistische Bundesamt veröffentlicht eine vorläufige Wachstumsrate rund sechs Wochen nach Ablauf eines Quartals. Der Handelsblatt-Barclays-Indikator hat sich obendrein das Ziel gesetzt, die endgültigen Quartalsergebnisse vorherzusehen - nicht die ersten Schätzungen. "Das ist ein bedeutender Unterschied, da es in Deutschland eine Tendenz zu Aufwärtsrevisionen gibt", sagt Julian Callow, Europa-Chefvolkswirt von Barclays Capital, der den Indikator mit seinem Team entwickelt hat.

Der bisherige Handelsblatt-Frühindikator hatte vor allem das Ziel, Wendepunkte frühzeitig zu erkennen. Die konkrete Prognose bezog sich nicht auf ein einzelnes Quartal, sondern auf einen gleitenden Durchschnitt über vier Quartale. Dieser Indikator wird - genauso wie der bisherige Eurokonjunktur-Indikator des Handelsblatts - nicht weiter fortgeführt.

Ähnlich wie andere synthetische Indikatoren, beispielsweise der bisherige Handelsblatt-Indikator, beruht das Grundprinzip des Handelsblatt-Barclays-Indikators darauf, aus bestimmten Einzelindikatoren, die früher verfügbar sind als das Bruttoinlandsprodukt (BIP) und idealerweise der Produktion vorauslaufen, einen Indikator für die gesamtwirtschaftliche Produktion zu erstellen. Derzeit veröffentlicht allein das DIW monatlich eine indikatorbasierte Vorausschätzung des vierteljährlichen Wirtschaftswachstums.

Für Prognosen des jährlichen Wirtschaftswachstums, das oft im Zentrum des Interesses steht, ist eine profunde Schätzung des Wirtschaftswachstums im laufenden sowie im letzten Quartal von großer Bedeutung. Denn wie stark die Wirtschaft etwa im ersten und zweiten Quartal wächst, bestimmt die Ausgangsbasis für die restlichen Quartale.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie der Indikator im Detail berechnet wird

Für das Wagnis, aus Indikatoren modellgetrieben eine konkrete vierteljährliche Wachstumszahl abzuleiten und nicht lediglich Aussagen über eine Beschleunigung oder Abflachung des Wachstumstrends, ist viel Detailarbeit nötig. Denn die Anzahl der Arbeitstage und der Brückentage in einem Monat, die Lage von Feiertagen wie Ostern oder Weihnachten, Ferientermine und so profane Dinge wie das Wetter haben einen beträchtlichen Einfluss auf die monatlichen Konjunkturindikatoren und auf die vierteljährliche Wirtschaftsleistung.

Damit der Indikator nicht allein wetter- und kalenderbedingt von Monat zu Monat starken Schwankungen unterliegt, haben die Ökonomen von Barclays Capital umfangreiche statistische Berechnungen durchgeführt. Damit können sie den Einfluss von Kalendereffekten und Wettereffekten quantifizieren. In den Indikator fließen nur die Effekte ein, die sich nicht typischerweise im Laufe eines Quartals ausgleichen.

Die Datengrundlage für diese Berechnungen bilden monatliche Indikatoren wie Auftragseingänge und Produktion der deutschen Industrie, Einzelhandelsumsätze und Bauproduktion sowie eine Anzahl weiterer Indikatoren zu den einzelnen Wirtschaftsbereichen. Um die Entwicklung des Dienstleistungsbereichs vorauszuschätzen, nutzen die Ökonomen von Barclays Capital ihren eigenen Konsumindikator, in den Einzelhandelsumsätze, Automobilabsatz sowie Arbeitsmarktindikatoren eingehen, und betrachten darüber hinaus den Index der EU-Kommission für die Nachfrageentwicklung.

Die Wirtschaftsleistung von Industrie, Bau und Dienstleistungssektor wird getrennt geschätzt und dann zum vierteljährlichen Bruttoinlandsprodukt summiert. Mit welchem Anteil die einzelnen Wirtschaftsbereiche einfließen, bemisst sich nach der jeweiligen Bruttowertschöpfung. Die Industrie fließt somit zu rund einem Viertel ein, der Servicesektor etwa zu zwei Dritteln, der Bausektor zu rund fünf Prozent.

Trotz dieser Detailarbeit ist das sehr schwankungsanfällige vierteljährliche BIP-Wachstum schwer schätzbar, so dass Punktlandungen nicht zu erwarten sind. Besonders problematisch ist, dass die monatlichen Konjunkturindikatoren ebenso wie das BIP nachträglich immer wieder revidiert werden, zum Teil erheblich. Das betrifft die Quartalsraten noch stärker als das jährliche Wirtschaftswachstum und die BIP-Zahlen stärker als die meisten Indikatoren. Da sich Erhebungsfehler der Statistiker kaum prognostizieren lassen, zielt der Handelsblatt-Barclays-Indikator darauf ab, den endgültigen offiziellen Wert zu treffen - nicht den als erstes veröffentlichten vorläufigen Wert. Gibt es Anzeichen, die auf Revisionsbedarf in den vorläufigen offiziellen Zahlen hindeuten, wird dies bei der Präsentation des Indikators jeweils vermerkt.

Der Indikator will Wirtschaft und Investoren eine frühzeitige und möglichst zuverlässige Schätzung bieten. Im Wettbewerb der entsprechenden Indikatoren wird sich zeigen, welche Schätzmethode sich der Realität am besten nähert.

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