Satte sieben Milliarden Euro Verlust in nur drei Monaten – das hat nichts mehr mit Schweizer Solidität zu tun. Falls es noch eines Beweises für die tiefe Misere im internationalen Investment-Banking bedurfte, die eidgenössische Großbank UBS hat ihn gestern erbracht.
Aber die einst so stolzen Schweizer liefern ja nur ein Beispiel von vielen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen sieht das Bild in der gesamten Branche überall einheitlich düster aus: Verluste, die sich oft nur noch in zehnstelligen Beträgen messen lassen, garniert mit Massenentlassungen.
Die Fieberkurve des Investment-Bankings folgte schon immer dem Krankheitsbild der manischen Depression, auf Schübe übersteigerter Euphorie folgten stets Phasen tiefer Trauer. Die Branche scheint nur zwei Zustände zu kennen, Vollgas oder Vollbremsung. Doch dieses Mal hat sich etwas geändert im ewigen Zyklus aus Angst und Gier.
Die Banken stecken nicht nur in der tiefsten Krise seit 30 Jahren, sie haben den Politikern und Finanzaufsehern rund um den Globus auch einen gewaltigen Schrecken eingejagt. Mehr als einmal war das Weltfinanzsystem in den vergangenen Monaten bis kurz vor dem Bruch angespannt, und die Kontrolleure machen dafür nicht zu Unrecht die aus dem Ruder gelaufene Risikolust der Investmentbanker verantwortlich.
Deshalb wird die Geldbranche dieses Mal wohl nicht um einen tiefgreifenden Umbau herumkommen. Ein Umbau, der wie eine Beruhigungsspritze auf das adrenalingetriebene Investment-Banking wirken wird. Das Geschäft mit dem großen Geld könnte in Zukunft deutlich langweiliger werden – dafür aber auch erheblich stabiler.
Mit sehr viel Fantasie und noch mehr Geld haben Zentralbanken und Regierungen in den vergangenen Monaten verhindert, dass die Finanzbranche in der selbst verschuldeten Subprime-Krise unterging. Im Gegenzug fordern die Aufseher jetzt Reformen von den Geldhäusern. Durch den wachsenden Druck stehen plötzlich sogar heilige Kühe wie das Bonussystem der Investmentbanken zur Disposition.
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Erst vor wenigen Tagen machte der Gouverneur der Bank of England, Mervyn King, ganz offen die millionenschweren Sonderzahlungen mitverantwortlich für den Ausbruch der Kreditkrise, weil sie statt langfristigen Erfolgs die kurzfristige Gier belohnen und die Banker dazu treiben, höhere Risiken einzugehen, als dem eigenen Haus und der Gesamtwirtschaft zuträglich sind. Bonussysteme, die sich nicht nur am Erfolg eines Jahres, sondern an der Entwicklung über drei bis vier Jahre orientieren und nicht nur Gewinne, sondern auch die dafür eingegangenen Risiken berücksichtigen, sollen die Aggressivität der Banker in geordnetere Bahnen lenken. Attacken wie die von Notenbankchef King zeigen, dass die Kontrolleure den Glauben an die Selbstheilungskräfte des Marktes verloren haben und jetzt den Druck verschärfen, um Änderungen von außen durchzusetzen.
Aber es geht natürlich um weitaus mehr als um die Boni. Die Kreditkrise stellt große Teile des Geschäftsmodells vieler Investmentbanken infrage. In den vergangenen Jahren haben die Geldhäuser ihre Eigenkapitalrendite nach oben getrieben, indem sie einen immer größeren Teil des Geschäfts mit Krediten finanzierten. Dieser sogenannte Leverage-Effekt war einer der wichtigsten Treiber des Booms, der durch die Subprime-Krise ein so abruptes Ende fand. Jetzt, nach einer langen Serie von Hiobsbotschaften, stehen die Zeichen im gesamten Finanzsystem allerdings eindeutig auf „deleveraging“, also dem Abbau der Verschuldung und der Steigerung des Eigenkapitalanteils.
Hinzu kommt, dass die Aufseher die Investmentbanken drängen, sich künftig längerfristiger zu refinanzieren, um die Anfälligkeit gegenüber einem kurzfristigen Austrocknen der Liquidität zu verringern, wie sie dem Wall-Street-Haus Bear Stearns zum Verhängnis wurde. Für die Geldhäuser heißt das nichts anderes als steigende Finanzierungskosten.
Am Ende wird unter dem Strich eine dauerhaft niedrigere Eigenkapitalrendite stehen. Das ist zwar schlecht für die Aktionäre der Banken, aber besser für die Stabilität des gesamten Finanzsystems.
Insgesamt dürften die Reformen zusammen mit den traumatischen Erfahrungen der Subprime-Krise zumindest vorübergehend zu einem Neokonservatismus im Investment-Banking beitragen. Die neue Bescheidenheit sollte die heftigen Ausschläge zwischen Angst und Gier, zwischen Boom und Krise glätten. Viele Investmentbanker werden den „Kick“ vermissen, der so viel zum Glamour der Branche beigetragen hat. Den Finanzaufsehern rund um den Globus wird das erst einmal egal sein. Sie wollen nur eines: wieder ruhig schlafen können.


