Die Grünen sind von der Rolle. Genauer gesagt: die grünen Realos. Wenige Wochen vor der Wahl ihres neuen Parteichefs Cem Özdemir treten sie ihm so vors Schienbein, dass ein Rückzug des anatolischen Schwaben verständlich wäre. Nicht etwa in Berlin-Kreuzberg, sondern ausgerechnet im Realo-Kernland Baden-Württemberg verweigerten sie dem designierten und mittlerweile ohne Konkurrenz dastehenden Parteichef in spe das Bundestagsmandat. Damit haben sie ihn abgemeiert, bevor er überhaupt antritt.
Das hat weniger mit der zu ihrer eigenen Überraschung erstarkten Linken im Südwesten zu tun als vielmehr mit dem desolaten Zustand der Realos insgesamt. Erst fanden sie keinen Nachfolger für den freiwillig scheidenden Reinhard Bütikofer, dann überredeten sie gleich zwei Nachwuchstalente, von denen der eine dann wegen Vaterschaft wieder aufgab, und nun desavouieren sie den übrig gebliebenen. Dümmer geht's nicht. Eine unrühmliche Rolle spielt dabei der starke Mann der Südwest-Grünen, Fritz Kuhn. Der Fraktionschef im Bundestag wollte Özdemir entweder nicht helfen, oder er konnte nicht. Gerüchte, Kuhn spekuliere selbst auf den Parteivorsitz, sind zwar wenig wahrscheinlich, sprechen aber für das Chaos in der Realo-Riege.
Wenn Özdemir die Niederlage schluckt, geht er zumindest beschädigt an den Start. Er ist zwar nicht der Superstar, als den ihn viele sehen wollen. An der Seite von Claudia Roth, Frontfrau des linken Flügels, würde er den Grünen aber zu frischem Schwung verhelfen, den Generationswechsel einleiten und mit seinem Migranten- und Aufsteigerstatus punkten können. Schmeißt Özdemir entnervt hin, macht sich die gesamte Partei endgültig lächerlich. Sie beweist damit nur eines: Ohne Joschka Fischer kann sie es nicht.


