Dmitrij Medwedjew läuft bei seinem ersten Deutschlandbesuch offene Türen ein: Die Wirtschaftsbeziehungen sind so gut wie nie zuvor, der neue Präsident gilt auch so manchem deutschen Politiker als Hoffnungsträger für vorsichtige Reformen in Russland. Wenn er von Mittelstandsförderung, Wissensgesellschaft und Rechtssicherheit spricht, ist ihm Applaus sicher. Medwedjews Kritiker sehen ihn dagegen nur als einen schwachen, aber freundlichen Erfüllungsgehilfen des eigentlichen Herrn in Russland: Ministerpräsident Wladimir Putin.
Es wird daher sehr darauf ankommen, ob Medwedjew seinen schönen Worten auch Taten folgen lässt. Sicher ist: Nach nur wenigen Wochen im Amt wird er nicht das Ruder umlegen können. Er wird es auch gar nicht wollen, denn bei allem, was ihn in Art und Auftreten von seinem Vorgänger unterscheidet - beide stammen aus einer Mannschaft.
Medwedjew als Schwächling abzustempeln ist aber falsch: Wenn einer nicht mit dem Schuh auf den Tisch haut, muss das nicht automatisch bedeuten, dass er sich nicht durchsetzen kann. Höflichkeit und Härte gehen schon zusammen. Deutschland tut daher gut daran, ihn beim Wort zu nehmen. Das deutsche Konzept einer "Modernisierungspartnerschaft" mag noch inhaltsarm sein, das Interesse Medwedjews an einer engen Zusammenarbeit scheint aber ehrlich.
Die Wahl Berlins als erstes Ziel für einen Europa-Besuch ist kein Zufall. Deutschland spielt aus russischer Sicht eine besondere Rolle im Verhältnis zu Europa. Das ist eine Chance, die sich nicht nur wirtschaftlich nutzen lässt. Es wäre zwar vermessen zu glauben, die Bundesregierung könnte interne Prozesse in Moskau beeinflussen. Sie kann aber Medwedjew den Rücken stärken, bis er beweist, dass er es ernst meint.

