Rezessionen machen keinen Spaß. Allein schon das Aussprechen des R-Worts verdirbt Konsumenten und Investoren die Laune. Auch stachelt es Gewerkschafter und Politiker an, Konjunkturprogramme zu fordern. Und weil das so ist, zeigt sich in Deutschland ein altbekanntes Phänomen: Wir versuchen, die Konjunktur gesundzubeten. Leider lehrt der Blick zurück aber: Beten hilft in diesem Fall nur wenig.
Die Bundesbank hat vor kurzem ihren trüben Wirtschaftsausblick mit der Mahnung garniert: "Alles in allem gibt es aber aufgrund der Entwicklung des ersten Halbjahres keinen Anlass zu einem ausgeprägten Konjunkturpessimismus." Damit will sie ein Gegengewicht zu all den Bankvolkswirten und Nobelpreisökonomen abgeben, die jetzt von Rezession oder Rezessionsgefahr reden und schreiben. Der Konjunkturexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung wurde noch deutlicher: "Obwohl die deutsche Wirtschaft in den Sommermonaten praktisch auf der Stelle tritt, wäre es völlig abwegig, von einer Rezession zu sprechen", sagte er. Der Konjunkturchef des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung sekundiert: "Die Perspektiven, dass wir uns erholen, sind besser als 2002. Die Debatte, ob Deutschland in eine Rezession rutscht, ist übertrieben." Auch der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Werner Schnappauf, findet, dass die deutsche Wirtschaft von einer Rezession "noch ein gutes Stück entfernt" sei. Einig sind sich all diese Konjunkturexperten, dass kein Grund zum Aktionismus bestehe, dass Konjunkturprogramme unnötig seien.
Doch gehören zum erfolgreichen Gesundbeten einer Volkswirtschaft nicht nur Vorbeter, sondern auch Gläubige. Aber wenn Konjunkturanalysen einer wirtschaftspolitischen Agenda folgen, werden sie schnell als Zweckoptimismus entlarvt.
Ein Blick zurück ins Jahr 2001 bietet sich an, den letzten Abschwung, der 2002 in eine schrumpfende Wirtschaft und danach jahrelange Stagnation mündete. Wie heute war das RWI auch im Juli 2001 optimistisch, dass die Konjunkturschwäche bald überwunden sein werde. Das Institut senkte die kurz vorher gemeinsam mit den anderen Instituten erstellte Wachstumsprognose für 2002 von 2,8 auf immer noch sehr optimistische 2,3 Prozent. Die sechs führenden Konjunkturforschungsinstitute hatten in ihrem Gemeinschaftsgutachten von April 2001 festgestellt, "dass es nicht zu einer ausgeprägten Konjunkturschwäche oder gar zu einer Rezession kommen wird". Deshalb gebe es "keinen Grund für Aktionismus". Das Ifo-Institut halbierte zwar schon im Juni die Wachstumsprognose für 2001 auf 1,2 Prozent, blieb aber optimistisch, dass es nicht zu einer Rezession kommen werde.
Im Dezember dann diagnostizierte Ifo-Chef Hans-Werner Sinn die schwerste Rezession seit 20 Jahren. Das BDI-Präsidium nannte dasselbe eine leichte Rezession, nachdem BDI-Chef Michael Rogowski einen Monat zuvor noch erklärt hatte, ein Überschwappen der Rezession aus den USA sei unwahrscheinlich. Der Bundesbank-Chefvolkswirt mahnte dagegen noch im Dezember, mit dem R-Wort sehr vorsichtig umzugehen, und listete viele Gründe auf, warum es bald wieder aufwärtsgehen dürfte.
Genutzt hat der zur Schau gestellte Optimismus damals nichts. Vielleicht hatte er sich schon in der vorangegangenen Rezession abgenutzt. Vielleicht ist aber auch die damit verteidigte Agenda des Nichtstuns schuld. Das BDI-Präsidium brachte das Paradoxe der eigenen Argumentation besonders schön zum Ausdruck, als es Ende 2001 argumentierte, ein "Wiederaufschwung" im zweiten Halbjahr 2002 zeichne sich ab wegen der massiven Zinssenkungen und des Konjunkturprogramms in den USA, um dann fast im gleichen Atemzug die Idee eines Konjunkturprogramms in Deutschland als " kurzfristig angelegte wahltaktische Strohfeuerprogramme" zu verdammen.
Im Endeffekt hat die US-Konjunktur das Platzen der New-Economy-Blase damals viel besser verdaut als Deutschland. Selbst in der gegenwärtigen Krise sieht es so aus, als ob die USA besser wegkämen als wir, obwohl der Herd der Krise sich dort befindet. Vielleicht liegt es daran, dass der Notenbankchef und Finanzminister dort keine Scheu haben müssen, das Wort "Rezessionsgefahr" in den Mund zu nehmen - weil sie nämlich umgehend ihr Möglichstes dagegen tun können.


