Wenn die Welt in die schwerste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit abgleitet, muss die Wirtschaftspolitik Gewohnheiten aus normalen Zeiten hinterfragen. Das gilt auch für die Geldpolitik. Innerhalb weniger Wochen haben sich die Perspektiven für Inflation und Wachstum dramatisch verändert. Da ist das übliche Finetuning der Zinsen in kleinen Schritten nicht mehr sinnvoll.
Das haben die meisten Zentralbanken erkannt. Seit die Bank von England vor einem Monat ihren Leitzins um 1,5 Prozentpunkte senkte, hat sie viele Nachahmer gefunden. Gestern senkte die neuseeländische Notenbank ihren Leitzins um 1,5 Prozentpunkte, die schwedische den ihren sogar um 1,75 Punkte und die Briten nochmals um einen auf den tiefsten Stand seit 1951. Die USA werden wohl in wenigen Tagen die Null vor dem Komma haben. Und selbst die sonst so zögerliche Europäische Zentralbank rang sich zu einem ungewöhnlich großen Zinsschritt von 0,75 Prozentpunkten durch.
Der Verfall der Zinsen auf der ganzen Welt erinnert an zwei Episoden, die besorgniserregende Parallelen aufweisen. Da ist einmal Japan, wo der Leitzins seit über einem Jahrzehnt praktisch bei null liegt. Steuern wir weltweit auf eine Dekade ohne Zins und mit anämischem Wachstum zu, in der die Geldpolitik ihre Wirksamkeit verloren hat?
Die andere Episode ist die Zeit zwischen dem Platzen der Dotcom-Blase und der derzeitigen Krise. Die US-Notenbank hatte ihren Leitzins zur Rezessionsabwehr drastisch auf ein Prozent zurückgefahren und lange niedrig gehalten. War das der Grund für die jetzige Kreditkrise? Säen die Notenbanken mit der neuen Niedrigzinspolitik die Saat der nächsten, vielleicht noch schwereren Krise? Sollten wir also die Krise annehmen, die Zinsen oben lassen und auf bessere, stabilere Zeiten warten, bis die Krise ausgeschwitzt ist?
Im Gegenteil. Die japanische Notenbank hatte, beseelt vom Glauben an die notwendige reinigende Wirkung von Rezessionen, viel zu spät und zu zögerlich die Zinsen gesenkt. Als sie es tat, war es zu spät. Die Preise fielen nachhaltig, so dass sogar bei einem Zins von null der preisbereinigte Zins noch zu hoch war. Die Finanzpolitik tat das Ihrige, die Krise zu verstärken statt abzumildern.
Die Niedrigzinsepisode in den USA verdeutlicht vor allem, dass die Notenbanken und die Regulierer sich viel ernsthafter als bisher mit dem Kreditzyklus auseinandersetzen müssen. Die niedrigen Zinsen haben sicher dazu beigetragen, dass renditehungrige Banken weltweit den Finanzalchemisten der Wall Street ihren Wertpapierschrott wie Gold vergüteten. Doch solchen Auswüchsen kann man mit dem Zins allein nicht beikommen. Die Lehre aus dieser Episode ist nicht, die Zinsen oben zu lassen, sondern durch hoheitliche Aufsicht und vernünftige Regeln dafür zu sorgen, dass der nächste Kreditboom nicht wieder in Exzesse führt.
Wenn sich Banker hinstellen und allen Ernstes das Ziel von dauerhaft 25 Prozent Rendite auf das Eigenkapital ausloben, dann müssten Heerscharen von Bankaufsehern genau prüfen, wo sie die Risiken ihres Tuns verstecken. Denn diese Weisheit ist alt: Ohne hohes Risiko einzugehen, kann man mit sauberen Mitteln keine hohen Renditen erzielen.


