Porsche-Erbe und VW-Patriarch Ferdinand Piëch ist beim Aufbau eines mächtigen Automobilimperiums entscheidend vorangekommen. Foto: dpa
VW übernimmt die Mehrheit am schwedischen LKW-Hersteller Scania, die Allianz mit MAN rückt dadurch in greifbare Nähe, und am selben Tag genehmigt der Porsche-Aufsichtsrat eine mehrheitliche Übernahme der Aktien von VW. Wenn das keine Nachrichten sind! Was VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch gerade der Öffentlichkeit vorführt, ist Industriepolitik in privater Form.
Vor unseren Augen entsteht Stück um Stück ein Konzern, dessen künftige Bedeutung für die globale Branche und den Industriestandort Deutschland erst in Umrissen zu erahnen ist. Und die Börse? Sie signalisiert gepflegte Langeweile. Wie kommt es, dass der Aktienmarkt nicht stärker auf diesen Coup reagiert, bei dem Porsche-Enkel Ferdinand Piëch die Regie führt? In seiner Multifunktionalität als Chefaufseher bei VW, Chefkontrolleur bei MAN und Gesellschafter bei Porsche hält er alle Fäden in den Händen, vor allem aber knüpft er die Fäden neu.
Was Piëch gerade der Öffentlichkeit vorführt, ist Industriepolitik in privater Form. Man nehme einen hochprofitablen Sportwagenkonzern, zwei gewichtige Lastwagenbauer und kombiniere sie mit einem halbwegs laufenden Massenhersteller von Personenkraftwagen. Das Ergebnis ist in Piëchs Sicht ein Autokonzern von Weltklasse: mindestens so bedeutsam wie der Stuttgarter Rivale Daimler, mindestens so profitabel wie der bislang unangefochtene Branchenliebling Toyota.
Seinem Ziel ist der Autokrat nun ein großes Stück näher gekommen. Würde der französische Präsident Nicolas Sarkozy die Bildung eines solchen industriellen Champions ankündigen, wäre ihm größte Aufmerksamkeit sicher. Doch in Deutschland spielt sich kein Staatschef als automobiler Visionär auf, sondern ein Unternehmer.
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Und es gibt noch einen Unterschied: In Frankreich könnte Sarkozy mit Unterstützung von allen Seiten rechnen. Piëch dagegen muss gegen Widerstände aus der Politik und den Gewerkschaften ankämpfen. Und auch gegen die Abneigung des Kapitalmarktes, weil er seine Unternehmen wie ein Patriarch führt, nicht wie ein finanzmarktorientierter Manager.
Dieser Mann bürstet gern gegen den Strich. Doch hinter vorgehaltener Hand zollen selbst hartgesottene Gegner Beifall. Der Einstieg bei Volkswagen im vergangenen Jahr fand Gefallen – obwohl die harten Fakten dagegen sprachen: Profitabel soll VW schließlich erst noch werden. Mit Fusionsfantasie infolge der Porsche-Entscheidung allein lässt sich das nicht erklären. Eher überzeugt die Idee, dass Stillstand in der Autoindustrie Gefahr bedeutet. Die Konzentrationswelle kommt so sicher zurück, wie neue Modelle in der Branche nötig sind, um Kunden zu locken. Zudem schwingen sich China, Korea und Indien zu ernsthaften Konkurrenten auf. Da müssen die alten Automobilnationen Paroli bieten.
Piëch baut eine Art Gegenmodell, in jeder Hinsicht. Dafür verdient er Beifall. Aber deshalb ist noch lange nicht erwiesen, dass Porsche-Sportwagen, der VW-Golf und MAN/Scania-40-Tonner unter einem gemeinsamen Dach fahren können oder gar müssen, und das auch noch profitabel. Der von Piëch erzwungene, äußerst teure Vorstoß von VW in die automobile Oberklasse sollte eine Warnung sein. Nicht alle Visionen gehen auf. Auch daran dürfte es liegen, dass die Börse so reserviert reagierte.

