Tory-Herausforderer David Cameron riet dem bedrängten britischen Regierungschef Gordon Brown, erst einmal Urlaub zu machen, dann brauche Großbritannien Neuwahlen.
Ganz so schnell wird es nicht kommen. Aber Cameron kann sich fürsorgliche Ratschläge erlauben. Er ist der kommende Mann, Brown ist am Ende. Wie immer man Labours Nachwahldebakel von Glasgow East interpretiert, was immer nun in der Labour-Partei geschieht. Nach zwölf Jahren kehren die Briten Labour den Rücken. Die Wirtschaftskrise hat der Partei den Rest gegeben. Dies ist nicht nur die Krise Gordon Browns, sondern die der Labour-Regierung.
Viele Fragen halten die Briten nun in Atem. Wird Brown den Parteitag im September überleben? Kann sich Labour einen zweiten Führungswechsel in einer Legislaturperiode ohne Neuwahlen erlauben? Wo soll ein Nachfolger die Ideen hernehmen? Der Druck der Basis dürfte die Partei nach links zwingen und noch mehr Terrain für die Tories frei machen.
Die wirkliche Frage ist, ob Cameron das Zeug für den Job hat, wenn er in ein paar Monaten oder spätestens in zwei Jahren als Premier in die Downing Street einzieht. Ist er mit seinem uneinholbaren großen Vorsprung in den Meinungsumfragen nur ein "seichter Verkäufer ohne politische Substanz", wie Brown unentwegt behauptet?
Cameron hat die Tories aus der politischen Wildnis behutsam in die Mitte zurückgeführt, wo Wahlen gewonnen werden. Die Partei ist einig wie nie seit dem Sturz Margaret Thatchers. Schon das bezeugt politisches Talent. In knapp drei Jahren an der Parteispitze hat er eine Analyse der britischen Herausforderungen und Schwächen durchgeführt und entwickelt nun systematisch, ohne Hast, seine Politik. Er ist kein revolutionärer Gipfelstürmer, sondern ein politischer Pragmatiker.
Von Anfang an präsentierte er sich dabei als Nachfolger Tony Blairs - glänzend unterstützt von Browns jahrelangen, mehr von Neid als politischem Verstand motivierten Hetzen auf den "Blairismus". Konservative fragen, ob Cameron überhaupt zu ihnen gehört, ähnlich wie einst die Labouranhänger bei Blair.
Doch Cameron hat von Blair gelernt, dass Politik nicht von Gegensätzen wie rechts und links oder Markt und Staat bestimmt wird, sondern vom Kampf zwischen liberalen und autoritären Instinkten. Was für Blair die "Choice Agenda" war, Bürgerwahl statt Staatsbevormundung, ist für Cameron die "Empowerment Agenda". Während Brown Sozialpolitik als "Social Engineering" betrieb, sollen unter Cameron die Betroffenen wieder selbst entscheiden.
Er will die Entscheidungsmonopole der Zentralregierung zerschlagen und Macht an Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Polizeipräsidenten und Gemeindeverwaltungen zurückgeben. Vor allem aber an Familien, das ist der Angelpunkt seines Programms. Alles, angefangen mit der Steuerpolitik, soll sie stärken. Wie Thatcher einst die Wirtschaft Großbritanniens reparierte, will Cameron dessen "zerbrochene Gesellschaft" heilen und dabei ganz unten beginnen.
Viele Details fehlen in seinem Programm, auch in der Wirtschaftspolitik. Aber Cameron hat Zeit und kann in aller Stille an seinen Plänen feilen. Eine Idee ist, den Ausgaben- und Verschuldungsrahmen der Regierung, ähnlich wie bereits das Zinsniveau oder die CO2-Einsparungen, von einem unabhängigen Gremium festlegen zu lassen. Steuersenkungen hat Cameron nur vorsichtig versprochen und sogar Steuererhöhungen bei weiter schlechter Haushaltslage nicht ausgeschlossen. Auf keinen Fall ist er der Gefangene wilder Tory-Wirtschaftsideologen.
Außenpolitisch setzt er auf Kontinuität - nur nicht in Europa. Die Tories, inzwischen geschlossen euroskeptisch, fordern die volle Kontrolle über Sozial- und Arbeitsgesetze zurück. Cameron hat ein Europa-Referendum versprochen und könnte damit noch zum Zuge kommen, wenn er den Wettlauf gegen den Lissabon-Vertrag gewinnt. Auch damit ist er konsequent. Er vertritt das Misstrauen gegenüber Labours nationaler Technokratenregierung - und das reicht bis nach Brüssel. Auch dies hat Cameron von Blair gelernt: So wichtig die Details sind, wichtiger ist, dass seine Richtung klar ist. Und die wird von den Briten immer besser verstanden und akzeptiert.


