Atomstrom ist keine Energieform wie jede andere. Sie ist die gefährlichste, die die Menschheit kennt. Bei einer Nuklearkatastrophe sind die Folgen für Mensch und Umwelt unabsehbar. Und auch wenn alles gutgeht, hinterlassen die Energieverbraucher von heute ihren Kindeskindern auf Jahrtausende einen Berg gefährlichen Mülls.
Daher muss zur Nutzung dieser Energieform ein gesellschaftlicher Konsens vorliegen. Der setzt das Vertrauen der Bevölkerung in die Betreiber und ihr technisches Können voraus. Darüber hinaus sind effiziente und unabhängige Aufsichtsstrukturen nötig, und dazu zählt vor allem eine umfassende und transparente Information über mögliche Probleme.
Hier hat der französische Staat ein strukturelles Glaubwürdigkeitsproblem. Denn er steht auf allen Seiten: Als Aktionär von EDF
und Areva
hat der Staat kein Interesse, um Störfälle ein großes Aufhebens zu machen: das stört nur die Geschäfte. Gleichzeitig hängt aber auch die französische Nuklear-Aufsicht vom Staat ab. Und in böser Erinnerung ist die offizielle Kommunikation nach der Tschernobyl-Katastrophe geblieben: Damals hatte die radioaktive Wolke nach offizieller Lesart ja auf wundersame Weise einen Bogen um Frankreich gemacht.
Ein Glaubwürdigkeitsproblem haben aber auch die Medien. 800 Störfälle der geringsten Gefahrenklasse "0" soll es pro Jahr geben, also mehrere am Tag. Bisher hat man darüber auch in regierungskritischen Blättern nie etwas gelesen.
Wenn die Medien die Atomunfälle jetzt aber nur benutzen, um das Sommerloch zu füllen, gefährden sie ihre Glaubwürdigkeit eher noch mehr. Störfälle und ihr Gefahrenpotenzial sind seriös abzuschätzen - das ganze Jahr über.

