Die Fehlerquote bei den Ölpreisprognosen war in der Vergangenheit schon sehr hoch. In den letzten Monaten beeinflussen darüber hinaus neue Akteure mit zunehmendem Gewicht die Entwicklung. Die Daten signalisieren derzeit keine Engpässe, dennoch testen die Märkte Rekordstände. Wann platzt die Spekulationsblase?
Die Fakten: Mitte April wurden Spitzenwerte im Bereich von beinahe 115 US-Dollar je Barrel (159 Liter) erreicht; diese Preise lagen fast zehnmal so hoch wie vor zehn Jahren. Asiens Öldurst, nicht zuletzt Chinas Ölkonsum, hat in dieser Dekade dafür gesorgt, dass trotz neuer Erschließungen die Förderkapazitäten fast voll ausgelastet wurden. Die stark gestiegenen Ölpreise und eine schwächer werdende Weltkonjunktur bremsen mittlerweile jedoch die Zuwächse beim Weltölverbrauch. In den USA, dem nach wie vor wichtigsten Verbraucherland der Welt, zeichnet sich sogar eine Stagnation ab. Gleichzeitig stehen beträchtliche Kapazitätserweiterungen im Opec-Lager an. Insbesondere Saudi-Arabien könnte das Angebot kurzfristig ausbauen. In Regionen außerhalb der Opec, so zuletzt vor der Küste Brasiliens, werden neue Funde gemeldet.
Eigentlich müsste sich die Stimmung auf den Weltölmärkten also gedreht haben. Das Gegenteil ist aber bisher der Fall. Die Hausse ernährt weiterhin die Hausse. Zum einen herrscht die Erwartung vor, dass das Anbieterkartell Opec neuen Zulauf erhält. Sie hat in der Tat an Attraktivität gewonnen; neue Mitglieder sind eingetreten, so Angola, oder wollen sich längerfristig anschließen, wie Brasilien. Hinzu kommt, dass der Ölverbrauch in den Entwicklungs- und Schwellenländern weiter klettert. Die Internationale Energieagentur in Paris berichtet, dass 83 Prozent des Verbrauchszuwachses in den letzten beiden Jahren aus diesen Ländern gekommen sind.
Zum anderen speisen aber Finanzinstitute die Preisexplosion. Das Gewicht dieser Akteure hat enorm zugenommen. Gestritten werden kann nur noch darüber, ob hierdurch Spekulationsblasen geschaffen worden sind, die bald platzen werden. Fakt ist, dass die Ölpreise und die Zahl der offenen Kontrakte schon seit Jahren parallel steigen. Die wachsende Zahl offener Kontrakte am Terminmarkt ist Ausdruck für ein höheres Engagement von Finanzinvestoren, die ihr Geld in Öl anlegen. Zuletzt dominierte ein spekulatives Wetten auf höhere Preise, wodurch die Rohölnotierungen immer höher getrieben worden sind. Pro Tag verbraucht die Welt 86 Millionen Barrel Öl. Demgegenüber liegt das Handelsvolumen an den Börsen 15-mal so hoch. Zirka die Hälfte aller Ölkontrakte wird dabei von Finanzakteuren gehalten.
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Sicher ist, dass die neuen Marktteilnehmer, Banken oder Fonds, die Neigung zu Ausschlägen auf den Weltölmärkten nach oben wie unten verstärken. Verursachen sie aber auch hektische Richtungswechsel? Oder verfestigen sie eher langfristige Preistrends? Finanzplayer wie Goldman Sachs, die schon frühzeitig mit besonders hohen Ölpreisprognosen aufgefallen sind, argumentieren, dass ihre Einschätzungen weniger kurzfristige Faktoren als langfristige Verknappungen widerspiegeln.
Es spricht einiges dafür, dass die Erschließungs- und Produktionskosten in kartellungebundenen Regionen überdurchschnittlich steigen werden. Hinzu kommt, dass auch in Nicht-Opec-Ländern wie Russland das Gewicht von Staatsunternehmen zunimmt. Private Energieunternehmen haben heute nur noch Zugang zu 80 Prozent der nachgewiesenen Erdölvorräte.
Auf der andern Seite schreitet der technische Fortschritt im Explorations- und Produktionsbereich erheblich voran. Konnten früher nur 15 bis 25 Prozent der Felder ausgebeutet werden, so liegen heute die Raten doppelt so hoch. Entscheidend wird zudem sein, ob sich die Entwicklungs- und Schwellenländer subventionierte Erdölpreise auf Dauer leisten können. Sollten sie Weltmarktpreise zulassen, dürfte der Wachstumsschub rasch enden.
Die Hochpreisphase ist somit keineswegs stabiler Natur. Die Entwicklungs- und Produktionskosten selbst sehr schwierig zu gewinnender flüssiger Treibstoffe, zum Beispiel aus Kohle, liegen höchstens im Bereich von 60 US-Dollar je Barrel. Weltweit bestehen zudem noch große Spielräume, Ölprodukte in bestimmten Einsatzbereichen wie der Stromerzeugung oder den Wärmemärkten relativ kostengünstig durch Konkurrenzenergien zu ersetzen. Sollte die Flexibilität im Raffineriebereich erhöht werden, was sich abzeichnet, so sind weitere Entlastungen in Sicht. Genauso schnell, wie Spekulanten zuletzt ihre Kaufpositionen erheblich erhöht haben, können diese Player auf Baisse setzen und verkaufen. Es spricht also einiges dafür, dass die Ölblase dasselbe Schicksal wie die Internet- oder die Immobilienblase erfährt.


