Amerikas Grand Old Partei wirkt runderneuert, doch das ist die Oberfläche. Zwar haben die Republikaner die alte Führung um George W. Bush und Dick Cheney völlig abgeräumt und durch John McCain und Sarah Palin ersetzt. Zwei radikale Reformer, die endlich in Washington aufräumen sollen. Doch tatsächlich kehrt die Partei zu den konservativen Wurzeln zurück - und verlangt von ihrem Präsidentschaftskandidaten einen fast unmöglichen Spagat.
Nach außen zeigt sich John McCain mit seiner zunächst so umstrittenen Wahl der Kandidatin für das Vizepräsidentenamt hoch zufrieden. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, diese Entscheidung war eine Verzweifelungstat. Noch vor zwei Wochen befanden sich die Republikaner in der Sackgasse: Ihr Spitzenmann wird als Nationalheld hoch geschätzt, doch seine Politik kam weder bei der eigenen Basis noch bei den Unabhängigen an.
Den einen ist er wegen seiner Irak-Politik zu weit rechts, den anderen wegen seiner liberalen Gesellschaftspolitik zu weit links. So kann er weder wackligen Hochburgen der Republikaner verteidigen noch die entscheidenden Swing States gewinnen. Daher zog das Parteiestablishment die Notbremse, schickte erfahrene Bush-Berater in McCains Team und redete dem Kandidaten aus, einen Vertreter einer liberalen Abtreibungspolitik zum Running Mate zu machen.
Die vermeintliche Rettung kam aus Alaska. Sarah Palin kommt sowohl im religiösen Flügel der Partei wie bei den harten Fiskalpolitikern an, und selbst der moderate Teil der Partei kann mit der jungen Politikerin leben. Ihr fulminanter, sorgfältig vorbereiteter Auftritt auf dem Parteitag bestätigt die Strategie: Die Konservativen beleben den alten Kulturkampf neu und positionieren sich als Partei der kleinen Leute, als Vorkämpfer gegen Big Government und Garant patriotischer Werte gegen eine elitäre demokratische Partei, die doch nur in Europa und an der Ostküste Amerikas ankomme. So will die neue GOP die wichtigen unentschiedenen Staaten im Mittleren Westen und im Süden erobern.
Mindestens zwei Probleme
Doch dabei gibt es zwei Probleme. Mindestens. Zum einen wird es nicht einfach, ausgerechnet die Republikaner als Reformer und Sanierer zu verkaufen. So schnell ist die Bush-Ära mit all den Fehlentwicklungen bei den Wählern nicht vergessen.
Das zweite Problem heißt John McCain. Ausgerechnet der Mann, der nun so vollmundig als unabhängiger Kopf, als Quer- und Vordenker gepriesen wird, soll der Bannerträger einer konservativen Renaissance werden. Und selbst wenn dem einstigen Maverick diese Selbstverleugnung gelingt - wer garantiert, dass die Mehrheit der Wähler diese neuen alten Republikaner wollen.
Die demographische Entwicklung, der Strukturwandel der Wirtschaft, die schlechte Bilanz der Bush-Regierung, alle diese Faktoren spielen den Demokraten in die Hände. Eigentlich wollte John McCain die Basis der Republikaner mit seinem überparteilichen Anspruch in der politischen Mitte erweitern. Diesen Weg hatte zuerst Barack Obamas Popularität versperrt, mit Sarah Palin hat sich McCain davon endgültig verabschiedet. Nun bleibt ihm nur die Hoffnung, dass Amerikas konservative Basis doch größer als erwartet ist - oder dass eine außenpolitische Krise nach der anderen auftaucht.


