Setzt der Kreml noch einen drauf? Sollte Moskau sich tatsächlich im Hauruck-Verfahren Südossetien einverleiben und Abchasien anerkennen, dürfte sich die russische Führung auch die letzten Sympathien in der EU verscherzen. Die Zerstörung der militärischen und zivilen Infrastruktur Georgiens im Schutze des "Waffenstillstandsabkommens" hat es Deutschland und Frankreich bereits äußerst schwer gemacht, weiter für eine Politik des Dialogs mit Moskau zu plädieren. Mit der Anerkennung der beiden abtrünnigen georgischen Provinzen würde Russland eine rote Linie überschreiten.
Der Schritt wäre eine völlig unnötige Provokation: "Seht her: Was ihr im Kosovo gemacht habt, können wir auch, und niemand kann uns hindern", denkt man wohl in Moskau. Russland hat seit Jahren seine Zusammenarbeit mit den Regionen kontinuierlich auf ein Niveau gehoben, das einer Anerkennung gleichkommt. In Europa haben die Diplomaten dies fast stillschweigend zur Kenntnis genommen, wohl wissend, dass die Wahrscheinlichkeit für eine friedliche Heimkehr der Provinzen nach Georgien äußerst gering ist. Die Zeit spielte eindeutig für Moskau.
Dort tobt die Führung nun aber weiter durch den politischen Porzellanladen und erreicht damit genau das Gegenteil von dem, wonach sie lechzt: die Anerkennung als ebenbürtiger Spieler auf dem internationalen Parkett. Russland mag zwar Argumente für seine Position finden - verspielt aber seine Glaubwürdigkeit und verprellt Verbündete. Der Westen sollte dies nicht schweigend hinnehmen, aber Ruhe bewahren. Mit der "Unabhängigkeit" zweier Landstriche im Kaukasus verändert sich nicht die Weltordnung. Russland mag jetzt triumphieren. Die Quittung für den Okkupationsdrang wird Moskau erst noch präsentiert.


