Es reicht ein durchschnittlich ausgeprägtes Unrechtsbewusstsein, um die Spitzelaffäre der Telekom als einen der größten Skandale der bundesdeutschen Geschichte einzuordnen. Es wundert auch niemanden, dass die Parteien über mögliche Konsequenzen debattieren. Dass aber führende Politiker der Union die Vorfälle bei Telekom, Post, Siemens und Lidl zum Anlass nehmen, die Wirtschaftselite Deutschlands als unmoralische Gesellen zu diffamieren, und gar die Grundfesten der Sozialen Marktwirtschaft gefährdet sehen, geht eindeutig zu weit. Da zeigt sich eine Bereitschaft zum Draufschlagen, die wohl auch andere Gründe hat: ablenken von eigenen, internen Konflikten und Querelen.
Die Häufung der Wirtschaftsskandale legt zwar den Verdacht nahe, dass sich Deutschlands Manager nur noch in Ausnahmefällen an Gesetze halten und sich obendrein mit üppigen Gehältern und Abfindungsregeln ein sorgenfreies Leben organisieren.
Doch das Gegenteil ist richtig. Die überwiegende Zahl der Manager nimmt ihre Rolle als Führungspersönlichkeit verantwortungsvoll und ethisch einwandfrei wahr. Die Union sollte sich daher gut überlegen, ob sie wirklich um kurzfristiger Effekte willen die jüngsten Korruptions- und Spitzelskandale zum Anlass nimmt, von einem generellen Problem mit der Wirtschaftselite des Landes zu sprechen. Dadurch nimmt die Soziale Marktwirtschaft wirklich Schaden.
Die populistischen Reflexe der Union zeigen aber auch, wie schlecht es um das Verhältnis der Christdemokraten mit der Wirtschaft insgesamt bestellt ist. Rücksicht wird nicht mehr genommen, seit die führenden Wirtschaftsverbände die Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel kritisieren. Die Union leistet nur noch wenig, um Ansprechpartner für die Wirtschaft zu sein. Der Verweis auf die Sachzwänge durch den Koalitionspartner SPD zieht nicht.

