Wohin steuert die Türkei? Vielleicht ist die Frage schon falsch gestellt. Denn in Ankara scheint überhaupt niemand mehr am Steuer zu stehen. Wie ein führerloses Schiff in schwerer See driftet das Land immer tiefer in den gefährlichen Strudel einer Staatskrise. Erst der Verbotsantrag des Generalstaatsanwalts gegen die islamisch-konservative Regierungspartei AKP, die noch vor einem Jahr mit 47 Prozent Stimmenanteil wiedergewählt worden war, dann Putschgerüchte und Polizeirazzien, jetzt der blutige Terroranschlag auf das US-Konsulat in Istanbul, hinter dem möglicherweise das Terrornetzwerk El Kaida steckt, und dann noch die Geiselnahme dreier Deutscher durch die kurdische Terrororganisation PKK, die ein Schlaglicht auf den schwelenden Kurdenkonflikt wirft - an politischer Dramatik sind diese Wochen wirklich nicht zu überbieten.
Es scheint, als habe sich alles gegen Ministerpräsident Tayyip Erdogan verschworen. Er kämpft nicht nur vor dem Verfassungsgericht um den Bestand seiner AKP und das eigene politische Überleben. Mit den Staatsstreichszenarien und der Festnahme zweier ranghoher Ex-Militärs, die Putschpläne geschmiedet haben sollen, bekommt der Machtkampf Erdogans mit der kemalistischen Elite und der Armee eine neue, brandgefährliche Dimension. Generäle hinter Gittern: Das hat es in der Geschichte der türkischen Republik noch nicht gegeben.
Erdogan selbst ist allerdings nicht ganz schuldlos an der Zuspitzung des Konflikts. Er hat die Ängste großer Teile der türkischen Gesellschaft vor einer befürchteten Islamisierung des Landes nie ernst genommen. Dass er im Frühjahr 2007 seinen Freund Abdullah Gül - wie er selbst ein gewendeter Fundamentalist - ungeachtet aller Widerstände zum Staatspräsidenten machte, war bereits eine unnötige Herausforderung. Nach der souverän gewonnenen Parlamentswahl vom Juli vergangenen Jahres glaubte Erdogan dann erst recht, keine Rücksicht mehr auf Andersdenkende nehmen zu müssen. Statt endlich die lange versprochene Verfassungsreform einzuleiten und die EU-Kandidatur seines Landes zu forcieren, konzentrierte der Premier sich auf seine religiöse Agenda.
Mit dem Versuch, das Kopftuchverbot an den türkischen Universitäten zu kippen, buhlte Erdogan um den Beifall seiner frommen Kernwählerschaft. Er verprellte dadurch aber jene Wähler der politischen Mitte, ohne die auch in der Türkei kein Urnengang zu gewinnen ist. Und er provozierte den Verbotsantrag gegen seine AKP, über den die elf Verfassungsrichter in wenigen Wochen entscheiden werden.
Ein Verbot der AKP - und immer mehr Beobachter erwarten, dass es darauf hinausläuft - würde auch die EU in Zugzwang bringen. Jene, die ohnehin nichts von einem Beitritt der Türkei wissen wollen, könnten die gegenwärtigen Turbulenzen als neuerlichen Beweis für die mangelnde Europa-Reife des Landes interpretieren. Doch jetzt der Türkei die Tür zuzuschlagen wäre grundverkehrt. Dann könnte das Land erst recht abdriften in andere Allianzen. Selbst im türkischen Generalstab, der seit den Tagen des Republikgründers Atatürk auf die Westorientierung des Landes eingeschworen war, gibt es mittlerweile eine Fraktion, die dafür plädiert, die Türkei müsse sich außen- und sicherheitspolitisch ganz neu positionieren: weg von der Nato, den USA und Europa, hin zu Russland, China und dem Iran. Für die Sicherheitsinteressen Europas wäre das eine fatale Entwicklung.
Gewiss: Die Türkei ist ein Land mit vielen ungelösten inneren Konflikten, wie der aktuelle Machtkampf zwischen Kemalisten und gemäßigt religiösen Kräften und die Geiselnahme der drei Deutschen durch die PKK zeigen. Sie ist aber auch ein Land, das dank seiner Geschichte und seiner geografischen Position einen Beitrag zur Stabilisierung einer konfliktgeladenen Region leisten kann. Das zeigen die jüngsten türkischen Vermittlungsbemühungen zwischen Syrien und Israel. Im Atomstreit des Westens mit dem Iran könnte die Türkei eine ähnliche Mittlerrolle übernehmen - vorausgesetzt, sie findet selbst zur Stabilität zurück. Dazu kann die EU beitragen - nicht indem sie die Türken nun mit einer Stornierung der Beitrittsverhandlungen abstraft, wie es manche bereits fordern, sondern indem sie gerade jetzt weitere Reformen und die Einhaltung demokratischer Normen einfordert.
Allerdings wird auch mit Erdogan zu reden sein. Er hat es den Freunden der Türkei in der EU gerade in den vergangenen Monaten nicht leichtgemacht. Der türkische Premier muss den Verdacht, er arbeite an einer Islamisierung seines Landes, glaubwürdiger entkräften, als er das bisher getan hat. Fundamentalistische Experimente vertragen sich nicht mit der EU-Perspektive.

