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03.08.2008  | Aktualisiert 03.08.2008, 14:12 Uhr 
Italien

Es blüht im Schatten

von Katharina Kort

Wer in diesem Sommer mit dem Wagen durch Italien reist, muss sich dort auf volle Autobahnen gefasst machen. Spritschluckende Geländewagen mit italienischem Kennzeichen, gerne auch mit einem Boot im Schlepptau, prägen das Bild. Sie belegen: Vielen Italienern geht es gut - und das steht in deutlichem Kontrast zum Krisengejammere der Politiker, Gewerkschaften und Verbraucherverbände.

Des Rätsels Lösung lautet: In Italien funktioniert vieles nicht, aber die Schattenwirtschaft läuft prächtig. Man darf in Italien nicht von den Statistiken auf den realen Zustand der Menschen schließen. Diesen Rat gibt kein anderer als der Generaldirektor des Statistikinstituts Censis, Giuseppe Roma. Nur so erklärt sich, dass die Italiener nicht auf die Straße gehen und gegen den Abschwung protestieren.

Das offizielle Bild ist düster. Der italienische Wirtschaftsminister Giulio Tremonti hatte schon im Wahlkampf die schwerste Krise seit 1929 ausgerufen. Gewerkschaften und Verbraucherverbände beklagen seit langem, dass den Familien das Geld nicht mehr zum Monatsende reicht. Das Wachstum tendiert gegen null. Italiens Löhne gehören zu den niedrigsten in Europa, in Westeuropa verdienen nur die Griechen weniger. Die Lebenshaltungskosten dagegen gehören bei hohen Immobilienpreisen und einer galoppierenden Inflation zu den höchsten in Europa. Im Juli hat die Inflation in Italien den größten Wert seit zwölf Jahren erreicht. Erst vergangene Woche hat es Mailand in dem Ranking der Beratungsgesellschaft Mercer unter die zehn teuersten Städte der Welt geschafft - noch vor New York.

Griechische Löhne und New Yorker Preise: Diese Lücke überbrückt die Schattenwirtschaft. Nach einer jüngsten Studie des Wirtschaftsinstituts Eurispes hat sie in Italien im vergangenen Jahr ein Volumen von 549 Milliarden Euro erreicht. Das entspricht 35 Prozent des italienischen Bruttoinlandsprodukts - oder der Wirtschaftsleistung von Finnland, Portugal, Rumänien und Ungarn zusammengenommen.

Die Schätzungen gehen zwar bei den verschiedenen Instituten weit auseinander, weil die genauen Zahlen naturgemäß auch im Schatten bleiben. Aber es besteht kein Zweifel, dass ein sehr großer Teil des italienischen Wohlstands in keiner offiziellen Statistik auftaucht.

Villen, Luxusyachten, gut gefüllte Nobelrestaurants - der sichtbare Reichtum in Italien steht schon seit Jahren im Gegensatz zu den mageren Steuererklärungen. Offiziell verdienen nur zehn Prozent der Italiener mehr als 40 000 Euro im Jahr. Und gerade einmal zwei Prozent überschreiten die 75 000-Euro-Grenze. Die vergangene Regierung unter Romano Prodi hatte daher der Steuerhinterziehung den Kampf angesagt und im vergangenen Jahr dank der stärkeren Kontrollen rund fünf Milliarden Euro mehr an Steuern eingenommen. Angesichts der Dimension der italienischen Schattenwirtschaft ist das nur ein winziger Bruchteil; trotzdem hat sich Prodi so bei vielen Wählern unbeliebt gemacht.

Privatleute haben mit Schwarzarbeit laut Eurispes im vergangenen Jahr rund 300 Milliarden Euro erwirtschaftet. Dabei sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt, zum Beispiel arbeiten auch Angestellte öffentlicher Verwaltungen gerne nachmittags "im Nebenberuf" als Steuerberater oder Bauunternehmer. Dank großzügiger gesetzlicher Regelungen sind zudem mehr als ein Viertel der Rentner zwischen 40 und 64 Jahre alt und dennoch so kerngesund, dass sie ihre unternehmerischen Fähigkeiten unter Beweis stellen können.

Doch nicht nur Privatleute sind dabei, auch Unternehmen wirtschaften im Verborgenen. Wenn man die Ergebnisse der Steuerfahndung hochrechnet, kommt man auf weitere 156 Milliarden Euro. Auf zusätzliche rund 93 Milliarden Euro beläuft sich die "informelle" Wirtschaft, wie etwa die Mieten von Studenten und Einwanderern, die nicht an den Fiskus gemeldet werden.

Diese Milliarden sind im Umlauf, ohne dass sie große Spuren hinterlassen. Noch immer wird im Restaurant oder beim Frisör meist bar bezahlt, auch Hotels rücken nicht immer eine Quittung heraus, und so mancher Vermieter zieht ebenfalls die Scheine vor.

Das bedeutet nicht, dass alle Italiener reich sind oder dass es die armen Familien nicht gibt, die Probleme haben, am Ende des Monats die Lebensmittel im Supermarkt einzukaufen. Aber es sind weniger, als die offiziellen Statistiken glauben lassen. Und häufig verdienen gerade jene Menschen, die in den Statistiken als Problemgruppe auftauchen, schwarz etwas dazu oder vermieten inoffiziell eine geerbte Immobilie.

Die Schattenwirtschaft dient in Krisenzeiten als soziale Abfederung. Nur so erklärt sich, dass die Italiener, statt auf die Straße zu gehen, lieber in den Urlaub fahren.

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