Wer die ganze derzeitige Widersprüchlichkeit der Supermacht USA erkennen will, muss sich nur ihre Botschaften und dabei die beiden jüngsten Groß- und Prestigeprojekte anschauen.
In Bagdad entsteht derzeit mit Milliarden-Aufwand eine nach dem US-Einmarsch 2003 geplante, abschreckende Trutzburg, die aller Welt die dauerhafte Präsenz der Amerikaner und ihrer militärischen "hard power" im Irak symbolisiert.
In Berlin dagegen profiliert sich die USA mit der neuen Botschaft am Pariser Platz als zivile Macht, als "soft power". Denn das cremefarbene Botschaftsgebäude in direkter Nähe zum Brandenburger Tor präsentiert sich eben trotz der Gefahr von Terroranschlägen nicht als abweisende Festung. Erstmals seit langem kann man eine amerikanische Botschaft wieder im wahrsten Sinne des Wortes "mit Händen greifen", weil sie am Pariser Platz auf großflächige Absperrungen verzichtet.
Der Auftritt in Berlin ist damit endlich wieder ein zukunftsweisendes Signal. Denn die wahre Stärke Amerikas lag über Jahrzehnte weniger in seiner enormen militärischen Stärke, sondern darin, dass die amerikanische Gesellschaft für den Rest der Welt attraktive Ideen, glaubhafte Werte und Offenheit vermittelte. Die USA waren der Leuchtturm für diejenigen, die sich Richtung Demokratie und Freiheit bewegen wollten.
In den vergangenen Jahren hatte das Ansehen des Landes unter der Regierung Bush aber stark gelitten. Die jahrelange und bis heute währende Existenz von "Sondergefängnissen" wie Guantanamo etwa hat die Glaubwürdigkeit beim Eintreten für Rechtsstaatlichkeit massiv erschüttert. Statt einer Orientierungshilfe strahlte der Leuchtturm des Westens ein Irrlicht aus.
Doch die USA müssen wieder anders wahrgenommen werden als nur als effektiver Militärapparat mit angefügten weltweiten Cola-Abfüll- und Hollywoodfilm-Abspielstationen. Die ambitionierten Reden der vergangenen Tage zur Würdigung der Leistungen des früheren US-Präsidenten George Bush senior und zur Botschaftseinweihung reichen dazu nicht aus.
Zwar gibt es mittlerweile auf oberster Ebene wieder einen engen Kontakt zwischen den Regierungen in Washington und Berlin. Aber soll die gerade in den vergangenen Tagen viel beschworene "Revitalisierung" der transatlantischen Beziehungen funktionieren, muss sie in die Breite gehen.
Hier liegt die große Chance, die sich gerade im deutsch-amerikanischen Verhältnis auftut. Derzeit ist ein doppelter Neuanfang möglich: mit der neuen, künftig hoffentlich offeneren Botschaft und in Kürze einem neuen, politisch unbelasteten Präsidenten. Beides sollte einen umfassenderen Dialog ermöglichen. Je intensiver dieser ist, desto geringer wird die Gefahr gegenseitiger Missverständnisse im Verhältnis der Supermacht USA und der größeren europäischen Mittelmacht Deutschland. Good morning, America!

