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21.07.2008  | Aktualisiert 21.07.2008, 17:17 Uhr 
Hisbollah/Israel

Neue Parität

von Pierre Heumann

Tauschgeschäfte liefern im Orient stets Hinweise auf die Stärkeverhältnisse der Parteien. So ist es auch bei dem Deal, der in der vergangenen Woche zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon zustande gekommen ist.

Die israelische Regierung - und vor allem Premier Ehud Olmert - standen unter innenpolitischem Druck, die beiden Soldaten, die vor zwei Jahren gekidnappt worden waren, nach Hause zu bringen. Dass beide bereits tot waren, konnte man damals lediglich vermuten, Gewissheit gab es nicht. Olmert, der eine nicht enden wollende Welle von Skandaluntersuchungen gegen sich laufen hat, war zu schwach, um den Pressionen der israelischen Öffentlichkeit standzuhalten.

Ganz anders die Hisbollah, die hoch pokerte. Sie profitiert jetzt von einem neuen Selbstbewusstsein, nachdem sie den Israelis einen hohen Preis abgerungen hat: Die Freilassung eines libanesischen Gefangenen, der nur als Verbrecher bezeichnet werden kann. Mit diesem "patriotischen Akt" hat die Hisbollah in Beirut auch bei jenen gepunktet, die ihren Machtambitionen sonst kritisch gegenüberstehen.

Denn der (makabre) Tauschhandel reflektiert ein neues Kräfteverhältnis im Nahen Osten. So wittert zum Beispiel die radikal-islamische Hamas in den palästinensischen Gebieten bereits ihre Chance. Sie hat den geforderten Preis für die Rückkehr des in den Gaza-Streifen entführten Korporals Gilad Schalit nach Israel bereits erhöht. Statt 400 verlangt sie nun 1 000 palästinensische Gefangene als Gegenleistung für die Herausgabe Schalits.

Und die Hisbollah fühlt sich dermaßen gestärkt, dass sie in südlibanesischen Dörfern, die keine schiitische Mehrheit haben, Land aufkauft und ihre militärischen Positionen ausbaut, obwohl die Bevölkerung der Hisbollah dort eher skeptisch bis ablehnend gegenübersteht. Seit dem Ende des Zweiten Libanon-Kriegs vor zwei Jahren ist es der Hisbollah gelungen, ihre Schlagkraft auszubauen. Die "Gottespartei", so Militärkreise in Tel Aviv, habe die Zahl ihrer Raketen verdreifacht. Zudem sei das Arsenal auch qualitativ besser geworden, meinen französische Diplomaten. Die Hisbollah verfüge nun über "ernstzunehmende Waffen, nicht bloß Katjuschas", also die veralteten Raketenwerfer.

Die Aufrüstung ist nicht lediglich ein Planspiel ohne Realitätsbezug. Denn aus der Sicht der Hisbollah gibt es mit Israel noch einiges zu regeln. Dazu gehört zum Beispiel eine Vergeltungsaktion für die Ermordung von Imad Mughnieh, des "Generalstabschefs" der Hisbollah, der im vergangenen Februar unter mysteriösen Umständen in Damaskus durch eine Autobombe getötet wurde.

Israel streitet zwar jede Verantwortung für das Attentat ab - aber die Hisbollah ist davon überzeugt, dass nur der israelische Geheimdienst Mossad zu einer solchen Tat fähig war. Jetzt, da der Gefangenenaustausch über die Bühne ist, könnte die Hisbollah die angedrohten Vergeltungsaktionen wahr machen und den Mord an Mughnieh rächen.

Für die israelischen Geheimdienste gibt es deshalb auch nach dem Deal keine Entwarnung an der israelisch-libanesischen Grenze. Um den Libanon nicht erneut in eine kriegerische Auseinandersetzung mit Israel zu verwickeln, könnte die von Teheran gesteuerte und finanzierte Hisbollah auch versuchen, "Statthalter" in der Westbank aufzurüsten. Teil dieser Strategie wäre es, Terrorzellen im Westjordanland und im Gaza-Streifen zu finanzieren. Radikale Gruppen haben bereits in der Vergangenheit Befehle aus Beirut oder aus Teheran entgegengenommen.

Israels Generäle wollen sich nicht auf die Theorie verlassen, wonach die Hisbollah das wacklige israelisch-libanesische Waffenstillstandsabkommen respektieren werde, um den Libanon nicht nochmals in eine kriegerische Auseinandersetzung zu verwickeln. Sie beobachten deshalb besorgt die militärischen Aktivitäten in ihrem nördlichen Nachbarland. Sie gehen davon aus, dass bei künftigen Konflikten mit Syrien oder mit Iran die Hisbollah bereit sein werde, Israel mit den neuen, verbesserten Raketen anzugreifen.

Damit rückt der Konflikt mit Iran, der sich vor allem um das Atomprogramm dreht, noch näher an Israel heran. Ein solcher Konflikt könnte sich anbahnen, sollte Israel (oder die USA) iranische Atomanlagen bombardieren. In Tel Aviv befürchten Militäranalysten auch, dass die Hisbollah ihre neue Stärke benutzen könnte, große Teil des Libanons zu übernehmen oder gar die Macht im ganzen Staat zu ergreifen.

Damit hätte Israel eine iranische Niederlassung an seiner Nordgrenze - zusätzlich zum Gaza-Streifen, wo bereits die von der Islamischen Republik unterstützte Hamas lauert.

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