Müller ja, Müller nein - der Chef des RAG-Konzerns war Hauptfigur und Opfer zugleich eines politischen Theaters allerniedrigster Kategorie. Am Ende bekommt er einen besonders aufregenden Job.
Das Theater um ein geordnetes Ende des Bergbaus in Deutschland erreicht mit einem faulen Kompromiss seinen Höhepunkt. Werner Müller darf seinen Managerjob behalten, muss seine Ambition auf den Chefposten der geplanten Kohlestiftung aber aufgeben. Ein wichtiges politisches Projekt könnte damit den Stempel „erfolgreich erledigt“ bekommen. Wäre da nicht ein grober Schnitzer – die öffentliche Demontage des ehemaligen Wirtschaftsministers und heutigen RAG-Vorstandschefs Werner Müller.
Man muss kein Freund Müllers sein, um die Ereignisse der vergangenen Monate als das zu sehen, was sie sind: Schmierentheater schlechtester Sorte. In den Hauptrollen Jürgen Rüttgers, Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, und Bundeswirtschaftsminister Michael Glos. Kompromisslos wollten sie verhindern, dass Müller noch irgendetwas zu sagen hat – nicht mal als Übergangschef der Kohlestiftung. Müller sollte zur Persona non grata erklärt werden.
Dafür wollte eine neu formierte schwarz-gelbe NRW-Connection sorgen. Erst torpedieren politische Kreise das vom parteilosen Müller forcierte Modell. Dabei sind Börsengang und Altlastenstiftung die einzig realistische Lösung für die Kohlefrage. Dann versucht der halb-kommunale Stromkonzern RWE, dem RAG-Vorstandsvorsitzenden eine Verletzung seiner Dienstpflichten anzuhängen. Und zum guten Schluss macht ein geschickt lanciertes Gerücht die Runde, Müller verhandele heimlich mit Russen über eine Beteiligung. Alles Zufall? Alles Unfug!
Es ging ausschließlich darum, Müller zu diskreditieren. Nach dem Motto: Irgendetwas wird schon hängen bleiben. Da nutzt es auch nichts, wenn am Dienstag der Aufsichtsrat der RAG wohl die RWE-Vorwürfe als unbegründet verwerfen wird. Allein der ständige öffentliche Streit um die Person hat dem Ansehen Müllers so geschadet, dass er politisch ohne Probleme erledigt werden konnte.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Das Spiel um die Steinkohle ist noch nicht aus.
Und jetzt soll eben dieser Werner Müller einen Börsen-notierten Konzern führen, mit Sitz im Herzen Nordrhein-Westfalens und beaufsichtigt von einer quasi-staatlichen Stiftung ? Noch vor wenigen Tagen wäre dem 61-jährigen nicht einmal ein Pförtnerjob von der Landesregierung angeboten worden.
Das Spiel um die Steinkohle ist noch nicht aus, denn das Drehbuch zu schreiben reicht nicht. Jetzt fehlen die Schauspieler. Warum haben Müllers Kritiker bis heute keinen Gegenkandidaten für die Stiftung präsentiert? Wer sagt, dass Müller der richtige Mann in der Rolle des Vorstandschefs der neuen RAG ohne Kohle ist?
Bislang gibt es an seinem Erfolg keine Zweifel. Müller ist überzeugend, manchmal sogar ein wenig zu sehr. Doch kaum ein anderer ihm hätte es geschafft, den Mischkonzern so geschickt durch die politische und gewerkschaftliche Untiefen auf Börsengang zu trimmen und obendrein das Milliarden schwere Subventionsfass Steinkohle zu stopfen. Aber Müller als Chef eines kapitalmarktgetriebenen Dax-Konzerns, als Verkünder aktienkurstreibender Equity-Stories vor jungen Analysten auf glattem Börsenparkett?
So hat sich der Liebhaber klassischer Musik und edler Zigarren seine letzten Berufsjahre sicher nicht vorgestellt. Aber Müller wäre nicht Müller, würde er sich selbst nicht auch diesen Job zutrauen.

