++ Liveblog zur Griechenland-Krise ++
Varoufakis sieht Bankenschließung als Erpressung

Tsipras hält am Referendum fest und wirbt in seiner Rede an die Nation für ein „Nein“. Eurogruppenchef Dijsselbloem erinnert ihn an ein Versprechen und IWF-Chefin Lagarde fordert „ein bisschen mehr Erwachsensein“.
  • 69

Die Euro-Zone steht vor einer gewaltigen Erschütterung. Athen steuert auf die Pleite zu. Die Notenbank führt Kapitalverkehrskontrollen ein. Die Menschen gehen zu Hamsterkäufen über, Schlangen bilden sich an Apotheken und Tankstellen. Die griechische Regierung wehrt sich gegen einen möglichen Grexit – und hält doch weiter am Referendum fest. Das will die Eurogruppe nun erst einmal abwarten. Alle Ereignisse des Tages im Liveblog.

+++ Obama diskutiert Griechenland-Lösung mit Renzi +++

US-Präsident Barack Obama spricht mit Italiens Regierungschef Matteo Renzi über den anhaltenden griechischen Schuldenstreit. In einem Telefongespräch am Mittwoch hätten die beiden darüber diskutiert, wie Griechenland in der Eurozone gehalten werden könne, teilte das Weiße Haus mit. Obama und Renzi hätten übereingestimmt, dass es wichtig sei, Griechenland bei Reformen zu helfen, Wachstum zu ermöglichen und die Zukunft des hoch verschuldeten Landes in der Eurogruppe zu sichern. Die beiden sprachen laut Angaben aus Washington außerdem darüber, wie sie weitere Finanzmärkte während der Griechenlandkrise beobachten.

+++ Lagarde rät Griechenland zum Erwachsenwerden +++

Nach der Zuspitzung der griechischen Finanzkrise hat die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, der linksgerichteten Regierung in Athen indirekt Unvernunft vorgeworfen. "Angesichts des Maßes an Unsicherheit, Verwirrung und ständiger Bewegung wäre aus meiner Sicht weiterhin ein bisschen mehr Erwachsensein erforderlich", sagte Lagarde am Mittwoch dem US-Fernsehsender CNN. Dass Griechenland gegenüber dem IWF in Zahlungsverzug geraten sei, sei "eindeutig keine gute Entwicklung". Schließlich hindere dies den Fonds derzeit daran, Griechenland weitere Hilfen zukommen zu lassen.

Voraussetzung für weitere Hilfen seien weitere tiefgreifende Reformen, wie der IWF und die EU sie von Athen gefordert hatten, hob Lagarde auf CNN hervor. "Das sind strukturelle Reformen, steuerliche Anpassungen, um sicherzustellen, dass das Land auf einem nachhaltigen Weg ist", fügte die IWF-Chefin hinzu.

+++ Varoufakis macht Gläubiger für Bankenschließung verantwortlich +++

Griechenlands Finanzminister Gianis Varoufakis hat die internationalen Gläubiger für die Schließung der griechischen Banken verantwortlich gemacht. „Dies ist ein sehr dunkler Moment für Europa“, sagte Varoufakis am Mittwoch in einem Live-Interview im staatlichen Fernsehen. „Sie haben unsere Banken geschlossen für den einzigen Zweck, um was zu erpressen? Ein „Ja“-Votum über eine nicht-tragfähige Lösung zu bekommen, die schlecht für Europa wäre.“

Obwohl er sich öffentlich gegen die weiteren Euro-Finanzminister stellte, sagte Varoufakis auch, dass Athen und seine Gläubiger in der Frage nach ausgabenkürzenden Reformen weiterhin „sehr nah“ beieinander seien. Eine Einigung könne möglicherweise nach dem Referendum am Sonntag erreicht werden. Man müsse jedoch weiter verhandeln, um die griechische Lage bei der Staatsschuldung nachhaltig tragbar zu machen.

+++ Dijsselbloem erinnert Tsipras an ein Versprechen +++

Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem hat den griechischen Premier Alexis Tsipras dazu aufgefordert, fällige Kredite an Gläubiger zurückzuzahlen. Das habe die griechische Regierung bei der Verlängerung des damaligen Hilfsprogramms am 20. Februar zugesagt, schrieb Dijsselbloem in einem am Mittwochabend veröffentlichten Brief. Athen hatte die am Dienstag fällige Kreditrate an den Internationalen Währungsfonds von rund 1,6 Milliarden Euro nicht bezahlt. Der Niederländer teilte dem griechischen Regierungschef außerdem mit, dessen Antrag auf einem 29-Milliarden-Euro-Kredit vom Eurorettungsschirm ESM werde erst nach dem Referendum an diesem Sonntag bearbeitet.

+++ Moody's stuft Griechenland herab +++

Die Ratingagentur Moody's setzt die Bonität Griechenlands auf die Stufe CAA3 herab. Und damit ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht: Eine weitere Herabstufung sei möglich, teilt die Agentur mit. Moody's begründete den Schritt mit dem für Sonntag geplanten griechischen Referendum über die Reformforderungen der internationalen Geldgeber. Die Ankündigung dieser Volksabstimmung sei ein "zusätzliches Risiko" für Griechenlands private Gläubiger.

+++ Varoufakis setzt auf Einigung am Montag +++

Die griechische Regierung strebt nach den Worten von Finanzminister Yanis Varoufakis eine Vereinbarung mit den Gläubigern am Montag an. Die Regierung sei bereit, harte Maßnahmen zu akzeptieren, wenn die Schuldenlast tragfähig ist. Unterdessen kursieren auf Twitter Umfrageergebnisse zum Referendum.

+++ Banken bleiben am EZB-Tropf +++

Griechische Geldhäuser bekommen weiter frisches Notenbankgeld. Die EZB genehmigt die so genannten ELA-Notkredite an die Institute, sagt ein Sprecher.

+++ Athen zahlt auch Schulden bei eigener Notenbank nicht zurück +++

Die griechische Regierung hat außer beim IWF auch bei der eigenen Zentralbank fällige Schulden nicht zurückgezahlt. Das erfuhr die dpa aus Notenbankkreisen, die damit einen Bericht der Tageszeitung „Die Welt“ bestätigten. Demnach wurde ein fälliger Kredit im Umfang von 470 Millionen nicht beglichen. Es handele sich um Altlasten aus der Zeit vor der Einführung des Euro. Kredite der Zentralbank an die Regierung eines Landes sind nach den Regeln des Eurosystems heute nicht mehr erlaubt.

Nach Informationen der „Welt“ konnte die Regierung allerdings die formale Feststellung eines Zahlungsausfalls vermeiden. Sie habe mit der Zentralbank vereinbart, dass die Altschuld mit zukünftigen Notenbankgewinnen und anderen Forderungen der Regierung verrechnet werde.

+++ Tränen am Geldautomaten +++

Auch unseren Griechenland-Korrespondenten Gerd Höhler lässt die Krise nicht kalt: „Heute Abend war ich am Geldautomaten. Ich brauchte 200 Euro, um Rechnungen zu bezahlen, im Supermarkt einzukaufen und vollzutanken – wer weiß, wie lange es noch Sprit gibt. Vor mir standen an dem Geldautomaten im Stadtteil Glyfada fünf Wartende, darunter zwei Rentner. Einer von ihnen, ein Mann von vielleicht Mitte 70, hatte seinen kleinen Hund dabei. Er stand vor mir in der Schlange. Als er zum Geldautomaten ging und die Bankkarte aus seiner Brieftasche zog, zitterte seine Hand. Ich stand vielleicht fünf Meter hinter ihm. Aber ich sah: Es dauerte lange, bis er die richtigen Tasten traf. Dann war er fertig. Er drehte er sich um, hielt drei 20-Euro-Scheine in der Hand. „Das ist alles“, sagte er fassungslos zu mir. Er hatte Tränen in den Augen. 60 Euro, das ist das Tageslimit, das die Griechen seit Montag an den Bankautomaten bekommen. Mit meiner deutschen Bankkarte konnte ich problemlos 200 Euro ziehen. Noch nie in meinen 36 Griechenland-Jahren habe ich mich so mies gefühlt wie in diesem Augenblick.“

Kommentare zu " ++ Liveblog zur Griechenland-Krise ++: Varoufakis sieht Bankenschließung als Erpressung"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Was in Griechenland aktuell unter Tsipras und Varufakis läuft, ist der kalte Staatsstreich.
    Alle Äußerungen der beiden und ihrer engeren Mitarbeiter sind allein auf das Inland ausgerichtet.

    Mit den regelmäßigen Briefen an Brüssel, Berlin und Luxemburg - in denen kaum irgend etwas Relevantes steht - läßt sich die inländische Nachrichtenlage nach Wunsch gestalten.

    Es geht auch nicht um die Reaktionen der Eurogruppe resp. der Institutionen. Die sind in diesem Zusammenhang völlig belanglos und werden auch nie wahrheitsgemäß berichtet.

    Mit dem Nein zum Referendum wäre die eigene Macht gefestigt, Neuwahlen vermieden und der Freibrief zum Ausstieg vom Euro geliefert.

    Völlig zu Recht rügen Tsipras und Co, daß per Kredit Griechenland nie genesen kann. Auch erkennen sie - und sagen es offen - daß keine Verwaltungsstruktur irgendwelche Gesetze durchsetzen kann.
    So analysieren sie richtig die Lage - hatten bislang im Euro und unter den Trias keine Chance auf irgendwann eine eigene Zukunft.

    Es gibt neben der parlamentarisch in den 18 anderen Ländern nicht durchsetzbaren Transferunion daher allein den Grexit - begleitet vom Versuch, die restlichen Schulden erlassen zu bekommen.

    Das genau scheint der Weg von Tsipras zu sein.

  • Wie rührend der Augenzeugenbericht von Herrn Höhler. Ein alter Mann, griechischer Rentner, der 60 Euro in der Hand hält und sagt; "das ist alles." Ein Rentner, dessen Rente womöglich nicht mehr als 700 Euro im Monat beträgt, wenn er eine Agrarwirtschafts-Rente bezieht, sind es nicht mehr als 320 Euro im Monat. Wieviele griechische Rentner würden jemals mehr als 60 Euro pro Tag brauchen? Wie viele der 1,5 Mio Arbeitslosen , die (wenn sie Glück haben...) ein pauschales Arbeitslosengeld von 360 Euro im Monat beziehen, könntten es sich jemals leisten, mehr als 60 Euro pro Tag auszugeben? Wieviele Beamten, die ein Durchschnittsgehalt von ca. 900 Euro verdienen, würden 60x30=1.800 Euro aus ihrem Bankguthaben abheben?
    Herr Höhler: 36 Jahre Griechenland müsste Ihnen zumindest zu mehr Aufrichtigkeit verholfen haben!

  • Und ich spende Tomaten, damit die Griechen diese nicht aus Holland beziehen müssen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%