10 Jahre Parteichef Cameron
Der ultimative Pragmatiker

Der britische Premier David Cameron feiert heute sein 10-jähriges Dienstjubiläum als Tory-Parteichef. Nie hatten die Briten einen gelasseneren Premier. Aber es gibt zu viele Baustellen, als dass er groß feiern könnte.

LondonDavid Cameron rückt in einen erlesenen Kreis auf: Nur vier Tory-Chefs seit dem 20. Jahrhundert waren mehr als zehn Jahre im Amt. Ab heute steht Cameron in einer Reihe mit Churchill und Thatcher. Bekannt ist der britische Tory-Chef Cameron trotzdem vor allem wegen seiner Vergangenheit als Elite-Raudi im Bullington Club in Oxford oder weil er einmal seine Tochter im Pub vergaß.

Cool und entspannt – das ist seine Art. Während Margaret Thatcher noch spät nachts in den Akten las, hat Cameron einen großen Schrank mit DVD-Boxen in der Wohnküche der Downing Street. Er hat den arroganten Charme der britischen Upper Class und macht im Frack eine ausgezeichnete Figur, was ihn zum Regieren wie geboren scheinen lässt. Dabei gilt er als meist gehasster Regierungschef in Europa – was ihm laut der neuen Cameron-Biographie von Anthony Seldon keine geringere als die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel bescheinigt hat.

Cameron ist auch ein Glückspilz. Nicht nur, weil er als entfernter Cousin der Queen im besten Hause geboren wurde und die Super-Elite Schule Eton besuchen durfte. Auch, weil ihm das Schicksal so schwache politische Gegner bescherte. Erst Gordon Brown, dann Ed Miliband, den die Briten einfach nicht ernst nehmen wollten, nun den ultralinken Labour-Chef Jeremy Corbyn.

Gegen sie alle wirkte Cameron als Ausbund von Normalität, Umgänglichkeit und „common sense“ – jene praktische, bodenständige Vernunft, die die Briten über alles stellen. „Cameron ist der ausgeglichenste britische Premier seit dem Zweiten Weltkrieg“, sagt Cameron-Kenner Seldon.

Was man vermisst, sind Zukunftsvisionen. Auch jetzt, zum Jahrestag, wird wieder darüber gerätselt, wer Cameron eigentlich ist, was er mit der Macht anfangen will, was seine großen Ziele und Pläne sind. „Macht ohne Sinn und Ziel“, warf ihm der Guardian vor. „Eine Sphinx ohne Rätsel“, nannte der Tory-Berater Dominic Cummings, nun Cheforganisator der EU-Austrittskampagne, seinen einstigen Chef.

Es war Nikolaustag, als David Cameron vor zehn Jahren in der Royal Academy in London als neuer Tory-Parteichef ausgerufen wurde. Über der Konservativen Partei strahlte die Sonne. In einer furiosen Wahlkampagne unter Parteimitgliedern, mit einer forschen, ohne Notizen vorgetragenen Parteitagsrede hatte sich der 39 Jahre alte Cameron klar gegen Kandidaten vom rechten Flügel durchgesetzt.

Er versprach die Modernisierung von Thatchers Partei, einen „mitfühlenden Konservatismus“, der mit der modernen Welt im Einklang lebte und eine „big society“, in der die Politik ihre Aufgabe nicht darin sieht, alles zu kontrollieren und vorzuschreiben, sondern einfach nur den besten Kräften der Menschen Raum zu geben. Niemand wusste genau, wie das gehen sollte, aber seitdem ist Cameron kontinuierlich beliebter als die Partei, die er führt.

„Let sunshine win the day“, lasst die Sonne aufgehen, lautete sein Motto, als sei er ein Wettergott. Großbritannien war damals ein Land des Optimismus'. Premier Tony Blair war noch beliebt und kein graues Wölkchen stand am Zukunftshimmel. Cameron war frech genug, Blair in seiner ersten Fragestunde im Unterhaus zuzurufen: „Ich bin die Zukunft, ihr seid die Vergangenheit“. Manche sprachen in ihrer Begeisterung von einem „neuen Kennedy“. Doch dann kam alles anders.

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