Deutsche in Afrika
Sultansschädel, Gräber und ein Dampfer

Die deutsche Kolonisierung Ostafrikas begann mit der Expedition eines Privatmannes. Es folgten 30 Jahre Ausbeutung und brutale Unterdrückung. Hat die Kolonialmacht auch Gutes hinterlassen? Eine Spurensuche in Tansania.
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Daressalam Als im Januar 1919 die Welt neu geordnet wird, überrascht im Versailler Vertrag eine bizarre Klausel: „Der Schädel des Sultans Mkwawa, der aus Deutsch-Ostafrika weggenommen und nach Deutschland gebracht wurde, wird der britischen Regierung übergeben“, heißt es in Artikel 246.

Der stolze Häuptling aus dem heutigen Tansania hatte den deutschen Kolonialherren mit seinen Guerilla-Taktiken lange Widerstand geleistet und der Kaiserlichen Schutztruppe im August 1891 eine empfindliche Niederlage beigebracht: Als 2000 Wahehe-Krieger unter Anführung Mkwawas aus dem Gebüsch stürmten, löschten sie eine ganze Militäreinheit aus. Medien in der Heimat erbosten sich über die „Hiobsbotschaft aus Ostafrika“.

Aber der helle Stern des Stammesfürsten geht in den Folgejahren langsam unter. Krank, verfolgt und verlassen bereitet Mkwawa seinem Leben 1898 per Kopfschuss ein Ende. Als kurz darauf der Feldwebel Johann Merkl die Leiche findet, trennt er den Schädel ab - als Beweis, dass der aufsässige Wahehe-Kämpfer tatsächlich tot ist.

„Endlich! Endlich!“, begeistert sich darauf Magdalene von Prince, die Ehefrau von Merkls Vorgesetztem, in ihrem Tagebuch. „Aus vollem dankbaren Herzen möchte ich es hinausjubeln in alle Welt, die Freudenbotschaft: Mkwawa ist tot!“

Der Schädel wird nach Deutschland gebracht - und verschwindet. Erst 1953 macht sich der damalige Gouverneur von Tanganjika, Sir Edward Twining, in Archiven und Museen auf die Suche nach menschlichen Überresten aus Ostafrika, die ein Schussloch aufweisen. Im Bremer Überlandmuseum wird er fündig. Mkwawa kehrt nach über einem halben Jahrhundert heim.

„Noch für die heutige Generation ist Mkwawa ein furchtloser Held, der bis zu seinem Tod die Kolonialverwaltung bekämpfte“, sagt die Historikerin Flower Menase vom Nationalmuseum in Daressalam. „Im Geschichtsunterricht wird er als starker Führer porträtiert, der über ausgeklügelte Kampftechniken, eine starke Armee und Waffen verfügte und sich den deutschen Herrschern nicht beugen wollte.“

Die aber bleiben noch weitere 20 Jahre im Land und ziehen erst nach der Kapitulation von Paul von Lettow-Vorbeck am 25. November 1918 aus Ostafrika ab. Der kriegserfahrene Kommandeur der deutschen Schutztruppe hatte im Busch als einer der letzten von der Niederlage des Deutschen Reiches erfahren. Aber was ist geblieben von drei Jahrzehnten deutscher Kolonialzeit? „Gutes und Schlechtes“, bringt es Amandus Kwekason, der seit 22 Jahren am Nationalmuseum als Hauptkurator tätig ist, auf den Punkt.

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