Folgen des Weltkrieges
Der neue Osten

Als Spielball der europäischen Mächte wurde Polen als eigenständiger Staat ausgelöscht. Der Erste Weltkrieg war für das Land auch eine Chance, seine Unabhängigkeit zurückzugewinnen. Nur ein Beispiel für den neuen Osten.
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Prag, Budapest, BelgradFür viele Polen war der Erste Weltkrieg buchstäblich ein Bruderkrieg - denn die Polen kämpften sowohl im deutschen und im österreichischen als auch im russischen Militär. Seit dem späten 18. Jahrhundert war Polen von der europäischen Landkarte verschwunden, aufgeteilt zwischen Preußen, Österreich und Russland. Der spätere Staatsgründer Jozef Pilsudski gehörte zu denjenigen, die 1914 den Krieg der Teilungsmächte auch als Chance für seine nach staatlicher Unabhängigkeit strebenden Landsleute sahen.

Früher oder später, so die Überlegung, werde der Krieg die Teilungsmächte in den Ruin treiben – und genau das sah Pilsudski als Chance für Polen.

Während sein politischer Widersacher, der Nationaldemokrat Roman Dmowski, darauf setzte, dass Russland nach einer Niederlage der Entente-Mächte einem polnischen Staat auf dem Territorium des österreichischen und preußischen Teilungsgebiets zustimmen würde, setzten Pilsudski und seine Anhänger auf die Unterstützung Österreich-Ungarns. In dem Vielvölkerstaat hatte es, anders als im russischen oder preußischen Teilungsgebiet keine Versuche gegeben, den Polen ihre nationale Identität zu nehmen und sie entweder zu germanisieren oder zu russifizieren.

Pilsudski befehligte eine der insgesamt drei Brigaden der „Polnischen Legionen“ als unabhängige Formation innerhalb der österreichischen Armee. Ähnlich hatten bereits unter Napoleon polnische Legionen unter dem Motto „Für eure und unsere Freiheit“ unter fremder Fahne für die Wiederherstellung ihres Landes gekämpft.

Das Regentschaftskönigreich Polen, das von November 1916 an auf dem Territorium des einstigen russischen Teilungsgebiets bestand, schien ein erster Schritt zu sein – doch einen Eid der Treue auf den deutschen Kaiser wollte Pilsudksi nicht leisten. Im Juli 1917 wurde er von den deutschen Militärbehörden verhaftet und in der Festung Magdeburg interniert.

USA bestärkten ein unabhängiges Polen

Die polnische Unabhängigkeitsbewegung sah sich auch durch US-Präsident Woodrow Wilson bestärkt, der sich im Januar 1917 im US-Senat für ein unabhängiges Polen ausgesprochen hatte. Der polnische Komponist und Pianist Ignacy Paderewski nutzte seine Popularität, um sich bei den westlichen Alliierten für eine volle staatliche Unabhängigkeit Polens einzusetzen. Die „polnische Frage“ wurde zunehmend eine internationale.

Im August 1917 entstand in Paris das Polnische Nationalkomitee mit Dmowski und Paderewski an der Spitze, das von Großbritannien, Frankreich, Italien und den USA als Vertreter der polnischen Nation anerkannt wurde.

Während Österreich zu Zugeständnissen an die polnische Nationalbewegung bereit war, lehnte Kaiser Wilhelm II. dies bis zuletzt ab. Doch als im Oktober 1918 der neue Reichskanzler Prinz Max von Baden im Reichstag erklärte, Deutschland werde das Wilson-Programm – und damit die Forderung nach einem unabhängigen polnischen Staat – annehmen, ging plötzlich alles ganz schnell.

Am 10. November kehrte der aus Festungshaft entlassene Pilsudski zurück nach Warschau, einen Tag später übergab ihm der Regentschaftsrat die Staatsgewalt. Nach mehr als 120 Jahren Teilung war Polen wieder ein unabhängiger Staat – ein Staat, dessen genaue Grenzen zu diesem Zeitpunkt noch nicht genau fest standen und der vor der Aufgabe stand, wieder eine Einheit zu werden.

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