Hyperinflation und Nazis

Von Versailles ins Verderben

Der Versailler Vertrag bürdete Deutschland hohe Entschädigungszahlungen auf. Es folgten Hyperinflation, die bis heute nachwirkt – und der Zweite Weltkrieg. Doch Frankreich und Co die Schuld zu geben, funktioniert nicht.
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Der spätere Reichskanzler Adolf Hitler steht am 2. August 1914 während einer Kundgebung zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs auf dem Odeonsplatz in München. Quelle: dpa

Der spätere Reichskanzler Adolf Hitler steht am 2. August 1914 während einer Kundgebung zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs auf dem Odeonsplatz in München.

(Foto: dpa)

2010 hat Deutschland die letzte Rate überwiesen. Das, was nach rund 90 Jahren noch übrig war von den 132 Milliarden Goldmark, die von den Alliierten „Entschädigungen“ oder auch „Reparationen” genannt wurden. Die Siegermächte drangsalierten das im Ersten Weltkrieg besiegte Deutsche Reich 1919 im Friedensvertrag von Versailles mit einer Reihe von Forderungen.

Keine war so verheerend wie die jährliche Zahlung der drei Milliarden Goldmark. Zum Vergleich: Die Summe entspricht dem damaligen Wert von 26 Prozent der gesamten Exporteinnahmen. Heute wissen wir, dass das für ein ausgeblutetes Deutschland zu viel war. Aber auch schon 1919 ahnten es Fachleute wie John Maynard Keynes, der damals im britischen Finanzministerium arbeitete und vom Versailler Vertrag  „angewidert” war.

In seinem Buch „Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensertrages” schrieb Keynes, dass die Reparationen eine Gefahr für den Weltfrieden seien. Und wenn sich der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs am 1. September zum 75. Mal jährt, dann hat es auch viel mit den Fehlern im Versailler Vertrag zu tun. Aber eben nicht nur. Angesichts der finanziellen Lasten aus dem Versailler Vertrag blieb Deutschland  vermeintlich nur eine Möglichkeit: Geld zu drucken.

Rudolf Havenstein, den der renommierte Finanzhistoriker Neil Irwin zum „schlechtesten Zentralbankchef aller Zeiten” kürte, riskierte mit dem Anwerfen der Druckerpressen die Stabilität der Preise. Kostete ein Dollar im Jahr 1920 noch 73 Mark, war er ein Jahr später  schon 192 Mark  wert und 1922 gar nur noch 7580 Mark. Als der Wert Ende 1923 auf 4,2 Billionen Mark stieg, war der Wechselkurs nur noch theoretischer Natur.

Das Leben und Leiden der Soldaten
Erster Weltkrieg - Mobilmachung
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Mobilmachung im August 1914 in Deutschland: Die Menschen Unter den Linden in Berlin greifen nach den Extrablättern, die den Ausbruch des Krieges bekanntgeben. Vor allem in den Gesichtern der Damen ist eher Sorge als Freude zu erkennen ...

Deutsche Soldaten ziehen in den Ersten Weltkrieg
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... was sich kurz darauf zumindest scheinbar ändert: Die deutschen Soldaten ziehen in den Krieg und verabschieden sich voller patriotischem Pathos von ihren Liebsten.

Erster Weltkrieg - Mobilmachung
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Ob jung oder alt – die Kriegsbegeisterung in Deutschland war groß. Auch dieser nicht mehr ganz so junge Freiwillige ließ sich offenbar davon anstecken. Der festlich geschmückte Zug brachte die Truppen an die Westfront. Das Bild stammt aus dem August 1914 und wurde in Leipzig geschossen.

Erster Weltkrieg - Mobilmachung
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Über Metz nach Paris: Viele lachende Gesichter sind zum Abschied in München zu sehen. Ein großer Teil der Soldaten sollte nicht von der Front zurückkommen. Die traurige Bilanz nach vier Jahren Krieg: rund 8,5 Millionen Gefallene, über 21 Millionen Verwundete und fast 8 Millionen Kriegsgefangene und Vermisste.

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Abschied in Berlin: Hier bekommt ein Soldat Blumen, die ihm Glück bringen sollen.

huGO-BildID: 37546517 FORTY FOUR OF ONE HUNDRED PHOTOS WORLD WAR ONE CENTENARY TIMELINE-In this undated file photo, a British recruiting poster displ
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Die Briten mussten zu Beginn des Krieges Freiwillige mobilisieren, da die allgemeine Wehrpflicht erst 1916 eingeführt wurde. Hier wirbt Feldmarschall Herbert Kitchener für die Sache.

Österreich im ersten Weltkrieg
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Für viele Soldaten hieß es zunächst einmal: marschieren. Hier ziehen österreichische Soldaten mit Pferden durch ein Tal im Grenzgebiet zwischen Österreich und Italien.

Die Banknoten wurden in Körben transportiert. Diebe stahlen die Behältnisse und ließen das Geld zurück. Wer konnte, investierte in Sachwerte: Fahrräder, Nähmaschinen oder auch Klaviere waren beliebt. „Die Hyperinflation löschte die Ersparnisse einer ganzen Generation von Geschäftsleuten aus”, schreibt Irwin.

Was hatte Havenstein da nur getan? Und hätte er anders handeln können? Er selbst bestritt seine Mitschuld an der Inflation bis zuletzt. Die Regierung sei Schuld und auch die Währungsspekulanten.

Die Menschen auf der Straße „verstanden einfach nicht, was da geschah”, schrieb der berühmte Verleger Hermann Ullstein. Anonyme Mächte schienen am Werk zu sein. Es war die Zeit, wo Kommunisten und Nationalsozialisten die Wut der Leute kanalisierten. Letztere übernahmen  zehn Jahre später die Macht, auch weil Deutschland die Inflation in den Griff bekam.

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