Liberale Ideen zurückgedrängt
Wie der Große Krieg die Wirtschaft veränderte

Der Erste Weltkrieg hat einen Paradigmenwechsel in der Wirtschaft ausgelöst, der bis heute wirkt: Wo vor 1914 liberales Denken herrschte, übernahm der Staat wesentliche Aufgaben. Der Westen verliert seitdem an Boden.
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DüsseldorfNoch nie waren Güter und Kapital so beweglich. Der internationale Handel boomt. Der Staat sorgt für den richtigen Rahmen, mischt sich ansonsten aber nur geringfügig in die Wirtschaftspolitik ein. Das Wachstum ist hoch, und ein Ende scheint nicht in Sicht. Nein, das ist keine Beschreibung der Gegenwart, sondern der Zeit vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges.  

„Was für ein außerordentliches Zwischenspiel in dem wirtschaftlichen Fortschritt der Menschen war doch das Zeitalter, das im August 1914 endete.“ Die Worte von John Maynard Keynes deuten an, welche Folgen der Krieg für die Weltwirtschaft hatte, die sich zuvor in einer absoluten Hochphase befand. Bis 1914 wurde dieser Fortschritt fast ausnahmslos positiv gesehen. Technische Neuerungen, so dachten die allermeisten, würden allen zugutekommen und das Leben angenehmer machen. Das Potenzial schien um die Jahrtausendwende grenzenlos. Schmerzhaft mussten die Menschen lernen, dass der Fortschritt seine Schattenseiten hat und neuen Erfindungen, wenn auch nicht mit Furcht, so doch mit Vorsicht begegnet werden muss.

Für uns heute ist die Abwägung zwischen Chancen und Gefahren ganz selbstverständlich, das zeigen die intensiven Debatten um Drohnen, Digitalisierung und Datenschutz. Wir wissen: Nicht alles, was machbar und praktisch ist, sollte auch zum Einsatz kommen. Die Folgen sind häufig unabsehbar. Kein anderes Ereignis führte uns dies klarer ins Bewusstsein als die Atombombe auf Hiroshima. Ermöglicht wurde diese erst durch die Entdeckung der Kernspaltung durch Otto Hahn, der nie gewollt hatte, dass es so weit kommt.

Allzu selbstbewusst sind manchmal die Technikgläubigen, und darin blind für die Ängste und Sorgen der Menschen. Beispiel Google: Der Internetgigant sammelt Abermilliarden von Daten; was genau damit passiert, bleibt größtenteils im Unklaren. In seinem Buch „Die Vernetzung der Welt“ beschreibt Eric Schmidt, Verwaltungschef des Unternehmens, eine Utopie, in der Staaten der Vergangenheit angehören und nur die Technik eine Lösung für die Probleme der Welt sein kann. Ein Horrorszenario?

Die „Büchse der Pandora“, von der der Historiker Jörn Leonhard in seinem gleichnamigen Buch spricht, wurde 1914 geöffnet – und seitdem nie dauerhaft geschlossen. Immer greifen wir nach dem Deckel, sei es um Kriege zu führen oder um Wirtschaftsgeheimnisse zu stehlen.

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  • Das wichtige Thema "Erster Weltkrieg und Wirtschaft" wird in der kommenden Ausgabe des "Jahrbuchs zur Liberalismus-Forschung" (Nomos-Verlag, ISSN: 0937-3624), das vom Archiv des Liberalismus der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit herausgegeben wird und in diesem Herbst erscheint, von der Karlsruher Wirtschaftshistorikerin Prof. Heike Knortz behandelt werden.

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