Österreich-Ungarn
Ohne Zweifel in den Untergang

Im Idyll von Bad Ischl unterzeichnete   Kaiser Franz Joseph I . die Kriegserklärung an Serbien. Der greise Monarch an der Spitze eines zerstrittenen Vielvölkerstaats riskierte einen „Befreiungsschlag“ – und verlor alles.
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Bad IschlDen Schreibtisch von Franz Joseph I. zieren die Büste der jungen Kaiserin, Uhren, ein Barometer und ein vom Zar geschenkter elektrischer Zigarrenanzünder. An der Wand hängt ein Aquarell, das den Franz-Joseph-Gletscher in Neuseeland zeigt. Des Kaisers Lieblingssessel aus rotem Stoff ist völlig durchgesessen und abgewetzt. Genau hier wurde Weltgeschichte geschrieben.

Im Biedermeier-Ensemble seines Arbeitszimmers in der kaiserlichen Sommer-Residenz in Bad Ischl unterzeichnet der 84-Jährige am 28. Juli 1914 die Kriegserklärung der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn an Serbien. Der Erste Weltkrieg nimmt seinen Lauf. „Ich habe alles geprüft und erwogen“, behauptet der Kaiser im Aufruf „An meine Völker.“ Falsch, sagt die Geschichte dazu.

Dass die weltverändernde Unterschrift im Idyll eines Kurorts geleistet wurde, war nach Überzeugung des Wiener Historikers Oliver Rathkolb gewollt. „Die Entscheidung in der Sommerfrische signalisiert einen Patron, der alles im Griff hat, sie unterstreicht die Hoffnung, dass es bei einer eher lokalen Strafexpedition gegen Serbien bleibt.“ Wenige Tage später hatten Europas Großmächte mobilisiert, steht die Donaumonarchie fast von Anfang an auf verlorenem Posten.

Das Land war für diesen Krieg in keiner Weise gerüstet“, sagt Rathkolb. Die Militärausgaben Wiens waren vor 1914 deutlich gesunken, ganz im Gegensatz zu denen Großbritanniens, Frankreichs und des Deutschen Reichs. Bisher hatte der Kaiser dem Drängen der Generalität widerstanden, auf dem Balkan einen Präventivkrieg zu führen. Nach dem Attentat von Sarajevo ist seine Geduld mit den Serben, die nach einem eigenen Großreich streben, und auch seine Räson zu Ende. „Wie würden die Amerikaner reagieren, wenn ein Präsident in spe von einer in Teheran ausgebildeten Schwadron ermordet wird?“, fragt der Historiker Christopher Clark im Interview mit der Zeitung „Kurier“.

Seit vielen Jahren ist der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn einer Zerreißprobe ausgesetzt. Praktisch alle einzelnen Kronländer streben im Zeichen des Nationalismus nach Unabhängigkeit. Das Reich mit seinen 50 Millionen Bürgern vereint zwölf Völker - von Galizien (heute Ukraine), über Böhmen (Tschechien) bis nach Triest (Italien). Der Krieg und die Hoffnung auf den starken deutschen Verbündeten verheißen angesichts der internen Konflikte einen Befreiungsschlag. „Es ist ein letzter Versuch, auf einem sinkenden Schiff noch einmal die Segel zu setzen und das Ruder herumzureißen“, meint Rathkolb.

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