100 Jahre Erster Weltkrieg
Tangoverbot und kein „überlautes Zuprosten“

In Kleinanzeigen lockten Mittel für „üppige Brüste“. Tango galt als verrucht. Und Frauen durften noch nicht wählen. Wie tickte die Welt vor 100 Jahren?
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BerlinDie Polizei erlässt zum Karneval in München ein Tangoverbot: Der Tanz sei zu verrucht. Aus Furcht vor der Zensur wird ein Vorabdruck von „Der Untertan“ gestoppt, darin rechnet Heinrich Mann mit der Moral der Kaiserzeit ab. Die Bademode ist noch züchtig. Die Rocksäume der Frauen rutschen über die Knöchel, aber Hosen sind noch undenkbar. Im Kriegsjahr 1914 ist an Silvester in den Berliner Lokalen kein „überlautes Zuprosten“ gestattet, „gedenket der Krieger in den kalten Schützengräben“. So tickte die Welt vor 100 Jahren.

Berlin war zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht so wild wie in der Weimarer Republik, aber schon durchaus verrucht, der „lüderlichste Ort von ganz Deutschland“, wie ein Zeitgenosse 1910 meinte. Der Historiker David Clay Large schreibt, dass es um die Jahrhundertwende schätzungsweise 20 000 Prostituierte in der Reichshauptstadt gab. Einige Dirnen gingen ihrer Arbeit in offenen Kutschen im Tiergarten nach. In der Halbwelt waren die Ganoven der „Ringvereine“ unterwegs.

Bevor der Erste Weltkrieg ausbrach, muss Berlin sehr fortschrittlich gewesen sein. Der Künstler George Grosz notierte 1912, es gebe „Kabarette und Revuen, Bierpaläste, so groß wie Bahnhofshallen“, außerdem Weinlokale über vier Etagen, Sechstagerennen und futuristische Ausstellungen.

Mit Toleranz und Emanzipation war es noch nicht weit her. Frauen durften bis 1918 nicht wählen. Männliche Homosexualität war laut Paragraf 175 strafbar. Einer der größten Skandale der Kaiserzeit wurde die Harden-Eulenburg-Affäre (1906-1909). Ein Journalist diskreditierte einen Berater von Wilhelm II. als homosexuell, was mehrere Prozesse nach sich zog.

Immerhin zählte Berlin vor dem Ersten Weltkrieg 40 Schwulenkneipen. Der Forscher Magnus Hirschfeld, Pionier der Schwulenbewegung, veröffentlichte das „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen“. Und schon 1914 stand Claire Waldoff, die kesse, Frauen liebende Sängerin, auf der Bühne, im Stück „Immer feste druff“.

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