Historische Bücher
Keine Heroen im Stahlgewitter

Historiker förderten rund um den 100. Jahrestag zahlreiche neue Wahrheiten zu Tage. Warum der Erste Weltkrieg kein Betriebsunfall der Geschichte war – und was der Maschinenkrieg aus den Menschen machte.
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DüsseldorfDer Hochadel lebte gefährlich an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. 1898 etwa ermordete ein italienischer Anarchist Österreichs Kaiserin Elisabeth, die berühmte Sisi. 1903 schlachteten Verschwörer Serbiens König Alexander und Königin Draga in Belgrad ab. 1913 traf es Griechenlands Staatsoberhaupt Georg I. Internationale Spannungen lösten die Attentate nicht aus.

Warum führten dann ausgerechnet die tödlichen Schüsse des bosnischen Serben Gavrilo Princip auf Österreich-Ungarns Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie am 28. Juni 1914 in Sarajevo zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs? Weshalb erklärte der greise Kaiser Franz Joseph einen Monat nach dem Tod seines wenig geschätzten Neffen und der am Wiener Hof geradezu geächteten Sophie Serbien am 28. Juli den Krieg?

Das bipolare System - die Mittelmächte Österreich-Ungarn, Deutschland und Italien auf der einen Seite sowie die Entente-Staaten Frankreich, England und Russland auf der anderen - sei einfach in den Krieg hineingeschlittert, meint der australische Historiker Christopher Clark. In seinem Bestseller "Die Schlafwandler" schildert er die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts als Betriebsunfall der Geschichte. Clark betont zwar das krisenträchtige serbische Einheitsstreben, das Österreich-Ungarn durch die Annexion Bosnien-Herzegowinas 1908 freilich selbst verstärkt hatte.

Mit Blick auf die Hauptakteure aber, die Mitglieder des Bündnissystems, spricht er von der Verantwortung aller und der Schuld keines Staates. Auch Deutschland habe in den Wochen vor Kriegsbeginn "keine risikofreudige Strategie" verfolgt. Berlin wollte vielmehr nur "das wahre Ausmaß der von Russland ausgehenden Bedrohung sondieren".

Die deutsche Geschichtswissenschaftlerin Annika Mombauer von der britischen Universität in Milton Keynes zeigt, dass Clarks "Unfallthese" die historische Wirklichkeit bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Ihr Buch "Die Julikrise" stellt klar: Gerade die Militärs und Spitzenpolitiker Österreich-Ungarns und Deutschlands schlitterten alles andere als schlafwandlerisch in den Krieg. Sie sahen vielmehr - hellwach, geradezu erleichtert und zu allem entschlossen - in den Schüssen von Sarajevo die Chance zum Casus Belli. Wien und Berlin trieb die Sorge um, die Armee des Zaren werde in naher Zukunft unbesiegbar sein. Gelegenheit und imaginierter Zugzwang kamen zusammen. Die Losung lautete: Jetzt oder nie!

Schon im Mai 1914 hatten Österreichs Generalstabschef Conrad von Hötzendorf und sein deutscher Amtskollege Helmuth von Moltke vereinbart, "im gegebenen Fall energisch aufzutreten und, wenn nötig, den Krieg zu beginnen". Vier Tage nach dem Attentat in Sarajevo notierte Kaiser Wilhelm II.: "Mit den Serben muss aufgeräumt werden, und zwar bald."

Am 5. Juli stellte Wilhelm Österreich-Ungarn eine geheime Blankovollmacht für den Fall aus, dass es zu einem Krieg mit Serbiens Schutzmacht Russland kommen sollte - "ein Schlüsselmoment in der Julikrise", wie Mombauer hervorhebt. Was folgte, waren Täuschungsmanöver, ein unannehmbares Ultimatum Wiens an Belgrad und die Mobilmachungen. Vom 4. August an befand sich Europa im Krieg. Nur Italien blieb neutral und wechselte 1915 ins Lager der Entente.

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  • Im Vorlauf des WK I gab es mehrere politische Krisen Stichwort Balkankriege, Panthersprung nach Agadir u.s.w., die alle schon zum Ausbruch eines europäischen Krieges hätten führen können, die aber noch diplomatisch eingefangen wurden.

    Der eigentliche Ursprung lag viel früher und zwar 1890 mit der Entlassung Bismarcks vom Kanzleramt und der Kündigung des Rückversicherungsvertrags mit Russland, der das Zarenreich zu einem Bündnis mit Frankreich brachte.

    Die millitärische Stärke Russlands in Verbindung mit der Millitärmacht Frankreich hätte nur durch ein Bündnis Deutschlands mit England neutralisiert werden können.

    Es gab Bestrebungen Englands unter der Regierung Joseph Chamerlain ein Bündnis mit dem Deutschen Reich einzugehen, diese Bemühungen scheiterten 1901 und es erfolgte als Alternative eine Annäherung an Frankreich, die von dem Onkel Willhelm II, dem englischen König Edward, der seinen deutschen Neffen nicht leiden konnte, betrieben wurde.

    Letzendlich entscheidend für den Ausbruch des WK I waren die Stärke des russisch-französischen Bündnisses, die Revancheansprüche Frankreichs Stichwort Elsass/Lothringen, die Angst Deutschlands bei wachsender Stärke Russlands einen Zweifrontenkrieg nicht bestehen zu können, die Schwäche der K&K. Monarchie mit ihren inneren Widersprüchen, die durch einen Krieg mit Serbien
    überdeckt werden sollten und die Unfähigkeit der europäischen Politik und Diplomatie sich einen hochtechnisierten Kriegsverlauf vorstellen zu können,mit den ungeheueren Opferzahlen, die dieser Krieg hervorbrachte.

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