Kriegsausbruch 1914
Der Mythos von der Kriegsbegeisterung

Vor 100 Jahren fiel Deutschland in Belgien ein - der Auftakt des Ersten Weltkriegs. Millionen Soldaten zogen begeistert ins Feld. So weit der Mythos vom „August-Erlebnis“. Die Wirklichkeit sah jedoch anders aus.
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Siegesgewisse Soldaten winken jubelnd aus den Waggons, die sie an die Front bringen. „Nach Paris, mich juckt die Säbelspitze“, haben sie mit Kreide geschrieben. Oder: „Weihnachten sind wir wieder da“ – es wird ein schneller Feldzug erwartet. Vor dem Berliner Schloss ruft Kaiser Wilhelm II. zu einer begeisterten Menge: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.“ Die Glocken läuten, vaterländische Lieder erklingen, Deutschland ist in diesem schicksalhaften Sommer 1914 kriegsbegeistert: Doch diese Vorstellung – bis heute im historischen Bewusstsein der Deutschen verankert - ist ein Mythos.

„Längst schon hat die historische Forschung die vermeintliche Kriegsbegeisterung infrage gestellt“, schreibt der Historiker Tillmann Bendikowski. Ein alle Bevölkerungsschichten umfassendes „August-Erlebnis“, das die Nation bei Kriegsausbruch 1914 einte, habe es so nicht gegeben. „In der historischen Wirklichkeit waren die Reaktionen auf die Kriegsgefahr und den Beginn des Krieges sehr viel komplexer und widersprüchlicher.“

Das Bild einer rauschhaften, euphorisierenden und alle Schichten vereinenden Kriegsbegeisterung resultiere häufig aus dem Rückblick, schreibt der Historiker Jörn Leonhard. Die Kriegspropaganda tat ihr übriges.

Zwar gab es – vor allem in Großstädten wie Berlin - viele „hurrapatriotische“ Versammlungen. Auch ein berühmtes Bild von einer Kundgebung auf dem Münchner Odeonsplatz zeigt jubelnde Menschen. Mitten unter ihnen: der 25-jährige Adolf Hitler.

Es gab aber auch, heute beinahe vergessen, massive Proteste: Tausende Menschen nahmen an Antikriegsdemonstrationen der SPD teil. Allerdings vollzieht die SPD-Führung dann, als der Krieg feststeht, eine
Kehrtwende: Sie stimmt im Reichstag Kriegskrediten zu – aus einem vaterländischen Pflichtgefühl zur Landesverteidigung heraus. Der berühmte „Burgfrieden“ der Parteien ist geboren.

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