Propaganda
Der erste totale Krieg

Als vor 100 Jahren der Erste Weltkrieg ausbrach, begann der ungeahnte Kampf der Propaganda mit modernen Kommunikationsmitteln. Wir glauben, dass so etwas in unserer Gesellschaft heute unmöglich wäre. Aber stimmt das?
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WienDie Faszination Krieg hat für Reporter auch 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg nie an Faszination verloren. „Ich wollte teilhaben, wenn Geschichte geschrieben wird“, sagt der langjährige Kriegsberichterstatter Lutz Klevemann, der viele militärische Auseinandersetzungen rund um den Globus mit verfolgt hat. 

Auch die „Vaterlandsliebe“ mancher Journalisten geht noch immer weit. „Im Irak-Krieg sagte mir die Kollegen, zuerst bin ich Amerikaner, dann erst Journalist“, berichtet der Niederländer Klevemann bei einem Besuch in Wien. „Ich glaube nicht, dass sich die Mentalität seit 100 Jahren so sehr geändert hat“, resümiert der Autor, der aus der Kriegsberichterstattung mittlerweile ausgestiegen ist.

Erstaunlich, aber wahr: Die Muster sind noch immer durchaus ähnlich wie vor 100 Jahren, als am 28. Juni 1914 die tödlichen Schüsse auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo fielen und die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts mit Millionen von Toten auslöste.

Der Erste Weltkrieg war der erste totale Krieg der Medien. Über die Presse, über die Literatur, über die Kunst, über die Musik und erstmals über Film und Fotografie wurde die Orgie der Gewalt propagiert, gefördert und geschönt. „Das heutige Ringen wird nicht alleine auf dem Schlachtfeld entschieden“, hieß es in einem Ausstellungskatalog des österreichischen Kriegspressequartiers bereits 1915 in Wien.

Von Anfang an überfluteten Extraausgaben Berlin, Wien und Paris. Mit ihrer Kriegspropaganda betäubten die von Zensur kontrollierten Verlage die Sinne und die Herzen der Bürger. Zensoren spitzten den Rotstift und eliminierten noch zu kleine Anflüge von Friedfertigkeit in Artikeln.  Die Presse befand sich überall in Europa im Kampfeinsatz.

Im Feldkino im hinteren Hof des malerischen Palais Porcia im Wiener Zentrum laufen die von der Kriegspropaganda inszenierten Bilder des „Völkerringens“. Die scheinbare Harmlosigkeit von Angriff und Verteidigung funktioniert auch rund 100 Jahren nach der Herstellung der Bilder.

Das Feldkino mit seinen einfachen Holzbänken ist Teil der Ausstellung „Extraausgabe - ! Die Medien und der Krieg 1914-1918“ im geschichtsträchtigen Palais Porcia (Herrengasse 23, Ausstellung bis 31. Oktober, werktags 9-18 Uhr, Eintritt gratis). Die vom österreichischen Bundeskanzleramt organisierte Exposition gibt einen Einblick in die fatale Verführung der Massen.

Es waren keineswegs nur namenlose Opportunisten, die sich in den Dienst der Kriegspropaganda stellten, sondern auch zahlreiche Intellektuelle. Noch im ersten Kriegsjahr wurde einen „Literarische Gruppe“ aus der Taufe gehoben, die der „vaterländischen Erziehungsarbeit“ dienen sollte. Unter denjenigen, die das „Heldenlob“ anstimmte, gehörten beispielsweise Rainer Maria Rilke und Stefan Zweig. Selbst der weltberühmte Reporter Egon Erwin Kisch diente als Kriegsberichterstatter dem Kriegspressequartier, das systematisch das kulturelle Leben im Dienst des Krieges stellte.

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