Kriegswirtschaft
Der Kampf gegen die Rohstoffknappheit

Im Krieg mangelte es an vielem – vor allem aber an Rohstoffen. Technische Neuerungen und ein kompliziertes Miteinander von Staat und Unternehmen lösten das Problem, aber nur teilweise und zu einem hohen Preis.
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DüsseldorfKriegsbrot ist nicht hart. Kein Brot, das ist hart. Solche Sätze kennt manch einer noch von seinen Großeltern. Die enorm knappe Versorgung mit Rohstoffen traf im Ersten Weltkrieg alle Wirtschaftsbereiche – nicht nur die Landwirtschaft, wo es an helfenden Händen, Pferden sowie Futter- und Düngemittel mangelte. Durch die britische Seeblockade landeten praktisch keine Rohstoffe mehr in deutschen Häfen. Die Folgen waren auch für die Bevölkerung erheblich. Im Oktober 2014 entstand der Begriff „Kriegsbrot“, das bis zu 20 Prozent Zusätze aus der Kartoffelproduktion enthielt, um Weizen und Roggen zu sparen.

Der Industrie fehlte es vor allem an Chrom, Nickel, Schwefel, Salpeter, Rohöl und Kautschuk. So führte der Mangel an Gummi dazu, dass Lastwagen im Feld mit Stahlreifen fahren mussten. Um an den begehrten Stoff zu kommen, wurden geradezu hilflose Geschäfte mit Großbritannien gemacht. Metall war so knapp, dass weit mehr als 10.000 Kirchenglocken eingeschmolzen wurden und Bürger ihre Kochtöpfe und Türklinken abgeben mussten.

An der Front machte sich vor allem der Mangel an Salpeter bemerkbar, der für die Herstellung von Artilleriesprengstoffen und Munition gebraucht wurde. Bis dahin hatte das Deutsche Reich Salpeter aus Chile importiert, doch die Restbestände an den Häfen in Hamburg, Antwerpen und Ostende schmolzen rasch dahin, als die britische Seeblockade ihre Wirkung entfaltete. Der monatliche Bedarf allein für das Heer jedoch stieg von 6500 Tonnen im Herbst 2014 auf 10.000 Tonnen im Frühjahr 2015 und 20.000 Tonnen im Herbst 2016.

Die Weltwirtschaft war schon längst global angelegt. Walther Rathenau schrieb damals: „Die Wirtschaft der Völker ist unaufhörlich miteinander verquickt; auf eisernen und wässernen Straßen strömt der Reichtum aller Zonen zusammen.“ Der Politiker und Industrielle, der zu einer der schillerndsten Figuren des Reiches und eine der wichtigsten in der Wirtschaft avancieren sollte, machte seinen Landsleuten unmissverständlich klar, dass praktisch alle relevanten Produkte „fremdländische Beimengungen“ in sich tragen.

Auf sein Anraten nahm schon Mitte August 1914 die Reichsrohstoffabteilung ihren Dienst – mit ihm als Leiter. „Durch seine Herkunft und seine Erfahrungen war er in besonderer Weise für diese Funktion prädestiniert“, schreibt der Historiker Jörn Leonhardt in seinem Buch „Die Büchse der Pandora“.

Rathenau wurde 1967 als Sohn eines deutsch-jüdischen Industriellen geboren. Emil Rathenau war wiederum Sohn des Gründers der Allgemeinen Electricitäts-Gesellschaft – noch heute bekannt als AEG. Dieses Erbe sollte auch Walther Rathenau fortführen. Er durfte sein künstlerisches Interesse nicht ausleben, sondern musste Chemie, Physik und Maschinenbau studieren.

Später wurde er zu einem neuen, hochmodernen Typus Manager, der die Vorteile der global vernetzten Ökonomie erkannte und schon deshalb den Krieg ablehnte. Der 1890 nicht zum Offiziersexamen zugelassene Jude war eine ambivalente Persönlichkeit, die in dem Krieg neue Handlungsmöglichkeiten entdeckte. So wurde Rathenau dem Ruf gerecht, der „wirtschaftliche Generalstabschef hinter der Front“ zu sein.

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Rettung durch das Haber-Bosch-Verfahren

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