Reaktion der Finanzmärkte
Wenn ein Weltkrieg überraschend kommt

2007 haben die Finanzmärkte die große Immobilienkrise nicht kommen sehen – wie auch 1914 den Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht. Völlig unvorbereitet mussten die Börsen in Europa und den USA die Reißleine ziehen.
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DüsseldorfBis heute wird heftig darüber gestritten, wie es zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs kommen konnte. Sahen die Staatenlenker die Katastrophe tatsächlich nicht kommen? Auch die Finanzmärkte schienen absolut überrascht. Dabei hätten am ehesten noch Käufer von Staatsanleihen eine Ahnung haben müssen von dem, was bevorstand.

Seit jeher wurden Kriege über Anleihen finanziert. Deutschland gab während 1914 und 1918 gleich neun solcher Papiere aus, um die Kosten des Kriegsmaschinerie zu decken. 60 Prozent der 1950 in London notierten festverzinslichen Staatsanleihen wurden von den fünf Großmächten England, Frankreich, Deutschland, Russland und Österreich-Ungarn.

Es gehörte zur Aufgabe der Investoren, auf jedes Indiz zu achten, das einen nahenden Krieg andeutete. Und jeder, der mit einer Auseinandersetzung rechnete, hätte rechtzeitig verkauft. Hätten die Finanzmärkte den Krieg also vorausgesehen, wäre es zu einem Verfall der Anleihekurse gekommen. Doch das passierte nicht. Der renommierte Historiker Niall Ferguson schreibt in seinem Buch „Krieg der Welt“: „Bis zum Juli 1914 registrierten die meisten Finanzmarktindikatoren keineswegs einen nahenden Weltkrieg, sondern deuteten eher auf eine Verringerung des Anlagerisikos hin.“

Die Marktteilnehmer wurden kalt erwischt: Erst in der letzten Juliwoche fielen die Schuldverschreibungen, Staats- und Rentenanleihen, Deutschland um vier, in Großbritannien um sechs, in Frankreich um sieben und in Russland und Österreich-Ungarn um rund 15 Prozent. Besonders hart traf die Krise den Finanzplatz London.

Denn plötzlich wurden die Zahlungen an die britischen Banken, die zuvor großzügig ausländische Währungen akzeptiert hatten, eingestellt. „Gleichzeitig wurden kontinentale Einlagen bei Londoner Banken in großen Mengen abgezogen und von Ausländern gehaltene Anleihen veräußert“, schreibt Ferguson. Das Wirtschaftsblatt „Economist“ drückte es sehr plakativ aus: „London wurde für ganz Kontinentaleuropa zur Liquiditätsmüllkippe.“

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Geld wurde hektisch nach Europa transferiert

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