100 Tage EU-Erweiterung in der Slowakei
Achselzuckende Gleichgültigkeit

Immobilien werden billiger statt teurer, dafür gibt es seit Wochen einen Mangel an Butter auf dem Markt. Das sind für die Slowaken die auffallendsten und zugleich überraschendsten Entwicklungen seit dem Beitritt ihres Landes zur Europäischen Union am 1. Mai.

HB BRATISLAVA. Auf dem Immobilienmarkt hatten vor allem im Raum Bratislava Spekulationen über die steigende Nachfrage wegen des EU-Beitritts die Preise schon im Voraus in unrealistische Höhen getrieben. Der Markt wurde dadurch so „überheizt“, dass schon kurz vor dem 1. Mai die abkühlende Ernüchterung einsetzte. Noch vor dem offiziellen EU- Beitritt begannen die Preise für Bürohäuser, Wohnungen und Grundstücke wieder zu fallen.

Wenige Wochen nach dem Beitritt entdeckten dagegen die Milchproduzenten die Vorzüge des erweiterten Marktes und begannen ohne Vorwarnung, ihre Waren in die Nachbarländer zu exportieren. Damit lösten sie in der Slowakei eine „Butterkrise“ aus: Wochenlang gab es Butter in vielen Geschäften gar nicht, in manchen nur begrenzt zu kaufen. Erst seit Mitte Juli ist Butter in den meisten Geschäften wieder in ausreichenden Mengen zu kaufen. Sie kostet aber durchschnittlich 25, in manchen Regionen über 100 % mehr als zuvor. Ansonsten sind die euphorisch erhofften ebenso wie die allzu pessimistisch befürchteten, gravierenden Veränderungen für Alltag und Lebensstandard bisher weitgehend ausgeblieben.

Achselzuckende Gleichgültigkeit ist daher die häufigste Reaktion slowakischer „Normalbürger“, wenn man sie nach ihren bisherigen Erfahrungen in den ersten Wochen EU-Mitgliedschaft befragt: „Wir sind in der EU - na und?“ Ausnahmsweise sind sich Durchschnittsbürger und Makroökonomen einig: Das Datum 1. Mai bedeute keine dramatische Zäsur für Wirtschaft und Alltagsleben. Volkswirtschaftsexperte Karol Morvay vom neoliberalen „Denkfabrik“ MESA10 bestätigt: Schon im Zuge der jahrelangen Vorbereitungen auf den EU-Beitritt habe die Regierung unter anderem mit der „Säuberung des Marktes“ von allzu vielen Preisregulierungen ein Paket an Maßnahmen umgesetzt, das schon längst unumkehrbare Entwicklungen bewirkt habe.

Dass viele Bürger gleichwohl mehr an raschen positiven Veränderungen erwartet hatten, zeigt ihre Enttäuschung, die sie politisch ausdrückten. So stellten die slowakischen Wähler innerhalb kurzer Zeit zwei völlig gegensätzliche Rekorde auf: Beim Referendum im Mai 2003 stimmten sie mit der größten jemals in einem Kandidatenland erzielten Mehrheit, nämlich 92,46 %, für den EU- Beitritt. Bei den EU-Parlamentswahlen im Jahr danach war die Beteiligung mit weniger als 17 % die niedrigste aller neuen Beitrittsländer.

Eine wichtige Rolle spielte für diese Frustration wohl, dass den Slowaken von den „neuen Freiheiten“ der EU gerade jene vorerst verwehrt bleibt, auf die sie laut Umfragen am meisten gehofft hatten: die freie Arbeitsplatzwahl in der gesamten EU. Dabei geht es für die meisten mehr um eine theoretische Chance als eine Möglichkeit, die sie real nutzen würden. Tatsächlich ist nämlich die Mobilität der Slowaken gering. So gibt es kaum Binnenwanderung, obwohl in den Ostbezirken bis zu 30 % Arbeitslosigkeit herrschen, während die Hauptstadt Bratislava Vollbeschäftigung aufweist.

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